Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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§. 2. Das Frankfurter Memorial vom 7. Mai 1612. Beſuche des Ratichius in Düſſeldorf und Gießen.

Das am 7. Mai 1612 zu Frankfurt übergebene Memorial lautete folgendermaßen*):

Memorial. Welches zu Francfort Auff dem Wahltag Ao. 1612 den 7. May dem teutſchen Reich vbergeben.

Wolfg. Ratichius weiß mit Cöttlicher hülffe zu Dienſt vnd Wolfahrt der gantzen Chriſtenheit An⸗ leitung zu geben.

1. Wie die Ebreiſche, Grechiſche, Lateiniſche vnd Andere ſprachen mehr In gahr kurher Zeit, ſo wol

2 be Alten Alß Jungen leichtlich zu lernen vnd fortzupflantzen ſeien.

. Wie nicht allein In Hochteutſcher, ſondern Auch In Allen Anderen Sprachen eine Schule Anzurichten,

Darinnen Alle Künſte vnd Faculteten Außfuhrlich können gelernet vnd Propagirt werden.

3. Wie Im Gantzen Reich ein einträchtige Sprach, ein einträchtige Regierung, vnd Endlich Auch ein einträchtige Religion, bequemlich einzuführen vnd friedlich zu erhalten ſey. Solches deſto beßer zu beweiſen, kan er Auch ein Specimen In Ebreiſcher, Chaldeiſcher, Syriſcher, Arabiſcher, Grekiſcher, Latiniſcher vnd hochteutſcher Sprach ſchrifftlich zeiigen, Worauß vom gantzen Werck gründlich kan geürtheilet werden. Erklerung.

Der Algemeine gebrauch, ſo In Allen Schulen des Reichs biß Anhero noch erhalten wird, Iſt dieſer, das die Künſte vnd Faculteten, zum erſten in Latiniſcher, Dan in Grekiſcher, vnd hernach, wie woll gahr wehnig In Ebreiſcher Sprache, Dürch Allerhand Lectiones, Auß vielfeltigen Büchern, Der Lieben Jugent faſt mit gewalt, Doch nicht ſonder große Mühe vnd Arbeit, werden eingetrieben.

Die vornehmſten Mittel Aber, wordurch die Liebe Jugent ſolchs thut faßen vnd behalten, ſein Dieſe. Erſtlich müßen ſie mannigerhand Lectiones Außwendig lernen, Auch dieſelbige vielmahls widerholen vnd Auffſagen. Darnach müßen ſie teutſch zu Latein, Latin zu Grekiſch ꝛc., oder wie es In den Schulen genennet wird, viel Exercitia teglichs machen, vnd ſich darin vben.

Ein Solcher gebrauch, wie Dan auch die Mittel, Iſt bei der Natur vnd Sprachen nicht Allein gantz vnd gahr zu widern, ſondern noch Darzu hochſchädlich vnd ſehr beſchwerlich, Wie hernach zu ſeiner Zeit genuchſam dargethan, vnd ferner Auch In der that vnd warheit mit Göttlicher hülffe ſol beweiſet werden.

Nu iſt der Rechte gebrauch vnd lauff der Natur, das die Liebe Jugent, zum Erſten Ihr Angeborne Mutterſprache, welche bey vns die teutſche, Recht vnd fertig Leſen, ſchreiben vnd ſprechen lerne, Damit ſie Ihre Lehrer In Andern Sprachen kunfftig deſto beßer verſtehen vnd begreiffen können, Darzu die teutſche Bibel mit ſonderlichem Nutz kan gebraucht werden.

Darnach muß die Ebreiſche, weil ſie eine Mutter Aller Sprachen, Auß der Ebreiſchen Bibel, der Jugent trewlich gelehret werden.

Zum Dritten Iſt die Grekiſche Auß dem Newen teſtament wol zu lernen, Auff das die Liebe Jugent Gottes Wort vnd Willen Allein Auß Gottes Wort, von Jugent Auff müge lernen, verſtehen vnd folgen.

Zum Vierten kan die Latiniſche Auß den Comoedien des Terentii mit luſt vnd kurtzweil werden gelernet, Es ſey dan das einer bey den Latinern gedenckt Jura zu ſtudiren, dann werden die Institutiones Justiniani beßer zu leſen vnd erkleren ſein.

*) Der Abdruck iſt nach Ratichius eigenhändiger Aufzeichnung. Aus den Akten der Gothaer Bibliothek hat daſſelbe mätgetheilt Niemeyer a. a. O. Halle 1841. S. 14 16. 2