Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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Dieſe Freundſchaft brachte dem Ratichius die wirkſamſte Unterſtützung bei mehreren fürſtlichen Höfen, nicht bloß bei dem pfalzgräflichen, ſondern vorzüglich bei dem Weimariſchen und dem Rudolſtadter. Denn die Prinzeſſin Anna Sophia zu Anhalt, welche ſpäter den Grafen von Schwarzburg heirathete, war des Lippius Schülerin geweſen, und hing mit großer Verehrung an ihrem alten Lehrer. Dieſelbe war aber eine Schweſter der Herzogin Maria Dorothea zu Weimar, und eine Stiefſchweſter des Landgrafen Ludwig V. zu Heſſen⸗ Darmſtadt.

Der erſte endlich, den Ratichius ganz für ſein Werk als thätigen Gehülfen gewann(im April 1611), war ein aus Hinterpolen ſtammender Jude Namens Seligmann, welcher ſtudiert hatte und durch ſeine umfaſſenden Kenntniſſe des Hebräiſchen und Chaldäiſchen, des Talmud und der cabbaliſtiſchen Schriften als ein ſo werth⸗ voller Mitarbeiter ſich empfahl, daß Ratichius den Mann, der verheirathet war und einige Kinder hatte und ein kümmerliches Leben in Hanau führte, ganz und gar in ſeine Dienſte nahm*).

Für die orientaliſchen Sprachen rechnete er außerdem(Ende 1612) auf die Unterſtützung ſeines alten Roſtocker Freundes Paul Tarnovius und eines Arnſtädter Arztes Licent. Evander, während er für die Arbeit in der deutſchen Sprache(ſchon im Sommer 1611) eifrige Umſchau nach einigen Gelehrten aus Sachſen hielt. Von beſonderer Bedentung für beide Theile wurde die im Februar 1613 angeknüpfte Verbindung mit dem Conrector der Leipziger Thomasſchule Joh. Rhenius, welcher durch ſeine ſeit 1611 erſchienenen Lehr⸗ bücher(Donatus lat. germ.; Compendium lat. Grammaticae; Grammatica lat. major; Graeca Gram- matica u. a.) und durch die in denſelben im Gegenſatze zu der bis dahin in den Schulen gebräuchlichen Methode befolgte einfachere und naturgemäßere Lehrart**) großes Aufſehen erregte und durch ſeine gegen die Melanchthonſche Grammatik gerichteten Angriffe erbitterte literariſche Kämpfe hervorrief.

Durch Lippius Vermittelung und Empfehlung geſchah es, daß, als Ratichius dem wegen der Wahl und Krönung des Kaiſers Matthias in Frankfurt verſammelten Reichstage am 7. Mai 1612 durch den Erzbiſchof von Mainz ein Memorial ſeiner neuen Lehrart übergab, daſſelbe von einigen der anweſenden evangeliſchen Fürſten der Beachtung werth gehalten wurde. Der Didaktiker war nämlich Anfangs April 1611 von ſeinem Düſſeldorfer und Amſterdamer Ausfluge nach Frankfurt zu bleibendem Aufent⸗ halte zurückgekehrt und hatte ſich, wie es ſcheint, ein ganzes Jahr lang ununterbrochen in dieſer Stadt theils mit den literariſchen Vorbereitungen für ſein Unternehmen, theils mit weiteren praktiſchen Verſuchen in Unter⸗

weiſung einzelner Schüler beſchäftigt. Nun trat er vor Fürſten und Reich zuerſt öffentlich mit dem Anerbieten des von ihm erfundenen Werkes hervor.

losophica gegeben: 1. Attente audias praeceptores. 2. Similiter si legas singula saepe repetenda. 3. Conare, non ut multa legas, sed optima recte intelligas. 4. Liberandus est animus ab aliis cogitationibus. 5. Non audienda tantum, sed et videnda sunt memoranda. 6. De quibus interrogatus fueris, confestim ne respondeas i. e. absque meditatione. 7. Quidquid addiscitur, nisi teneatur, parum prodest. Itaque metire vires ingenii tui. 8. Vesperi quotidie quae discendo lucratus fueris repete. 9. Ne discedas a praeceptore antequam deceat. 10. Inter infelices dies illum compu- tabis, quo aliquid non profeceris didicerisve, quod tuum esse possit, ut nulla dies sit sine linea. Außerdem erſchien von Lippius: Metaphysica ex Aristotelis ac Scaligeri monumentis praecipue, methodice concinnata. Erfurd, Joh. Birckner, 1614.(Auch Lips., Barth. Voigt. 8). Metaphysica magna. Additae sunt omnium scientiarum tabulae. Francof., Berner 1624. Logica; ed. Paul. Burckhardt. Lugd. Anard., 1626.

*) Die erſten literariſchen Arbeiten, welche Seligmann für Ratichius vornahm, waren eine ars memoriae comparandae und eine jüdiſche Auslegung des Propheten Daniel.

**) Zuerſt von ihm dargeſtellt als Anhang zu ſeinem Donatus s. t. Facilis methoqus instituendi et exercendi puerum, De d 1613 beſonders erſchienen und dann in ſeiner Paedagogia 1614 und in Methodus quadruplex. 1617 und 1626. Rhenius eröffnete die Verbindung mit Ratichius am 6. Februar 1613 durch Ueberſendung zweier scholastici libri und bat in dem Begleitſchreiben um Mittheilung des von Ratichius in institutione servatus modus.