Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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ſchaftlichen Richtung jener Zeit entſprach es, daß er in ſeinem Vorhaben ſich vorerſt auf die Sprachen, die Mathematik und die Philoſophie beſchränkte und vor Allem in dieſen Fächern das Lernmaterial zu ſichten undrichtig zu ſtellen ſich vornahm. Zu dem Ende ſollten die einzelnen Disciplinen in ihrem Umfange, Inhalte und gegenſeitigen Verhältniſſe beſtimmt und begrenzt, und das Material der einzelnen Sprachen geſammelt, geläutert und feſtgeſtellt werden, eine Arbeit, welche die Kräfte eines einzelnen Menſchen bei weitem überſteigen mußte. Ehe dieſe umfaſſenden Vorarbeiten gethan wären oder wenigſtens ſich unter den Händen der tüchtigſten und fleißigſten Gelehrten in gutem Fortgange befänden, verſchmähte Ratichius vorerſt jede größere praktiſche Einführung der eigentlichen Didaktik, die er erfunden zu haben erklärte.

Mitarbeiter zu gewinnen, das war das erſte Ziel, welches er bei den Höfen evangeliſcher Fürſten wie bei den Rathscollegien großer und aufſtrebender Städte verfolgte, und welches ihn einflußreiche Bekannt⸗ ſchaften pflegen ließ.

Unter den ſchon in Holland gewonnenen Gönnern war keiner eifriger und treuer für ihn thätig, als Philibert Vernat aus Delpht, ein gewandter, überall gern geſehener Mann, der die ausgedehnteſten Beziehungen zu deutſchen Fürſten und Adeligen hatte.

Einer der erſten, den er als Mitarbeiter zu gewinnen wünſchte, war der oben ſchon genannte Huswedel. Derſelbe war mit ihm zu gleicher Zeit(in dem Jahre 1605) in den Niederlanden und beſuchte hin und wieder von Leyden aus den alten Freund in Amſterdam. Seitdem Huswedel im November 1605 als Conrector in ſeine Vaterſtadt Hamburg zurückgekehrt war, blieb er mit Ratichius in einem Briefwechſel, der lebhafter wurde, ſeitdem dieſer ihn in der zweiten Hälfte des Jahres 1611ad societatem operis a se instituti zu gewinnen ſuchte. Huswedel lehnte die Mitwikung zwar nicht ab, obgleich er nicht einmal recht erfahren konnte, in welcher Weiſe dieſelbe von Ratichius gewünſcht wurde, aber die dringende Nothwendigkeit einer Reformierung der Hamburger Schule verbot ihm vorerſt, ſich auf Weiteres einzulaſſen; und als er bald erfuhr, daß

Ratichius Männer wie Lippius, Mentzerus und Helvicus für ſeine Sache gewonnen hatte, gab er eine Betheiligung ſeinerſeits ganz auf(März 1612).

Auf die Freundſchaft des Joh. Lippius dagegen ſetzte Ratichius ſeine ſchönſten Hoffnungen und

wurde in denſelben ſchon bald durch Proben der hülfreichen Mitwirkung dieſes Gelehrten beſtärkt*).

*) Abr. Ulrich ſah bei Ratichius in Augsburg eine von Lippius für den Didaktiker aufgeſtellte Tabelle der Philo⸗ ſophie nach folgendem Schema:Weisheit iſt eine A. göttliche(Theosophia) oder eine B. menſchliche(Philosophia). Dieſe zerfällt in 1) Paedia oder eigentliche Philoſophie: a) Philosophia theoretica;) Mathesis;) Physica; y) Metaphysica; b) Philosophia practica; a) Ethica; ⁶½) Oeconomia; y) Politica. 2) Propaedia, wozu zu rechnen ſind die artes dicendi: a) Grammatica, b) Dialectica. c) Rhetorica. Von den Schriften des Joh. Lippius verdient hier beſondere Erwähnung eine, welche erſt nach ſeinem Tode unter folgendem Titel, ſo weit mir bekannt iſt, dreimal im Druck erſchienen iſt: JonAXNIS LiPPI! Philosophi olim Clarissimi! CANONES IN VIRTUTUNM ACl BONARUM ARTIUM] Studio ac stadio qvoti- jdie observandi.] STUDIO ET OPE-RA ⁴⁴ωπι CUIUSDAMI, pro ιιι&⁴⁶σ, publici juris facti, et editi.Anno æra Christiana/ M. DC. XVI.] ERFURTI Typis Martino-Wittelianis impensis Johan. Biſchoffs 1 Bibliop. ibid. Titel u. 69 SS. 16⁰. In Wolfenbüttel. Abgedruckt in Methodus institutionis nova quadruplex. Ed. J. Rhenius. Lips. 1617, und ibid. 1626(Vgl meinen Aufſatz Zur Bibliographie des Ratichianismus, in Jahns Jahrb. 1871. p. 44. N. 19. 20.). Die von Lipenius in Bibl. Realis etc. p. 239 angeführte Erfurter Ausgabe von 1616 iſt die oben erwähnte von 1617. An der Spite dieſer Canones ſtehen als generalissima folgende vier: Aörααιιν ora, Naturam cura, Harmoniam vive, Methodum observa. Es folgen 33 Canones de studiis, in welchen für alles Stu⸗ dieren Beſonnenheit und Ernſt, rechte Zeiteintheilung, Pflege der Vocabelkenntniß und Phraſeologie, ruhiges und gleichmäßiges Fortſchreiten und Usus durch praecepta(i. e. definitiones. divisiones), regulae(i. e. theoremata, axiomata), commentarii (i. e. explicationes et applicationes praeceptorum et regularum) und häufige exercitia(examina, declamationes, disputa- tiones) empfohlen werden. Die darauf folgenden handeln de memoriae perfectione et reminiscentia, de diaeta und de medicamentis nebſt den diätetiſchen Vorſchriſten des Marsilius und Gratarolus. Am Ende werden folgende Consilia phi-