Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

* 6

Die Unterhandlungen mit dem Rathe der Stadt Frankfurt hatten einen überraſchenden Erfolg, ſo daß Ratichius ſchon am 16. Auguſt 1610 eine Probe mit ſeiner Lehrart beginnen konnte; aber ſeine Hoffnungen auf eine kräftige und nachhaltige Unterſtützung ſeines Werkes durch die alte Reichsſtadt zerſchlugen ſich ſchon nach kurzer Zeit, ſodaß er ſich nach einem anderen Orte umſehen mußte.

Ob Ratichius ſchon in Holland oder auf der Rückreiſe von Amſterdam nach Frankfurt, oder erſt in dieſer letzteren Stadt die Bekanntſchaft ds Pfalzgrafen Wolfgang Wilhelm von Neuburg gemacht hat, iſt ungewiß. Soviel ſteht feſt, daß er gegen Ende November oder Anfang December des Jahres 1610 Frankfurt wieder verlaſſen und in Begleitung ſeines Schülers Cornelius Petters den Pfalzgrafen auf deſſen Begehren in Düſſeldorf beſucht hat. Als er von dort aus im Anfange Februar 1611 noch einmal auf kurze Zeit Amſterdam beſuchte, erfüllten ihn die beſten Hoffnungen auf des Pfalzgrafen Unterſtützung. Denn dieſer Fürſt hatte ihm damals nicht nur die beſtimmte Zuſage eines Geldbeitrags(bis zu 1500 Thalern) zur Beförderung ſeines Werkes ertheilt, auf daß er mit derſelben die Koſten ſeiner Reiſen, ſeiner Bücher und des Unterhaltes für ſich und ſeine Gehülfen beſtritte, ſondern unterſtützte ihn auch in zuvorkommender Weiſe durch Vermittelung literariſcher Hülfsmittel, durch Zuführung geeigneter Mitarbeiter und durch Empfehlung bei anderen einfluß⸗ reichen Fürſten, wie bei dem Herzoge von Würtemberg und bei dem Kurfürſten von Mainz. Ihm ſcheint Ratichius insbeſondere auch die Bekanntſchaft mit dem gelehrten Theologen Johannes Lippius verdankt zu ⸗haben(1611).

Man mag über Ratichius Perſönlichkeit urtheilen, wie man will, ſoviel läßt ſich nicht beſtreiten, daß ſein perſönlicher Verkehr eine merkwürdige Anziehungskraft und überzeugende Gewalt auf die bedeutendſten Männer ſeiner Zeit ausübte. Konnten ſich freilich die Ausſtellungen an der in jener Zeit üblichen ver⸗ kehrten Lehrart, mit welcher die Jugend aller Orten gequält wurde, der Zuſtimmung aller Unbefangenen und Verſtändigen nicht entziehen, und mußte die Genialität, die Wahrheit und Klarheit der von Ratichius für die Reformation des ganzen wiſſenſchaftlichen Lebens ſeiner Zeit aufgeſtellten Grundſätze gerechten Anſpruch auf die Billigung und Anerkennung, ja Bewunderung der aufrichtigen Gelehrten machen, ſo muß doch auch die Perſönlichkeit des Mannes, die Schärfe ſeines Verſtandes, mit welcher er die Fehler der damaligen Unterrichtsweiſe und die verkehrten Beſtrebungen im wiſſenſchaftlichen Leben ſeiner Zeit erkannt hatte und bloßlegte, die begeiſterte, ehrliche und unverwüſtliche Hingabe an ſeine hohe und herrliche patriotiſche Aufgabe, endlich auch die, trotz ſeiner ſchwierigen Ausſprache, ſprudelnde und überzeugende Redegabe des Mannes einen faſt überwältigenden Eindruck gemacht haben. Kein Gelehrter, kein Fürſt hat ſich mit ihm über ſeine Kunſt perſönlich unterhalten, ohne von ihm hingeriſſen worden zu ſein. Bei ſolchen Unterredungen kam der lebendige Mann dergeſtalt ins Feuer, daß er ſtundenlange Vorträge hielt, ſo daß es nicht ſelten vorkam, daß Leute, welche voll Mißtrauens ſeine Unterredung geſucht hatten, in ſeiner Gegenwart nicht wußten, wie ihnen geſchah und von derſelben, wenn nicht unbedingte Zuſtimmung, ſo doch den Eindruck mitnahmen, daß ſie es mit einem wahrhaft bedeutenden Manne zu thun hatten, der mit klarer Einſicht und überzeugungstreuem Eifer Hand an ein Werk legte, welches eine hoffnungsreiche Regeneration des verkommenden viſſeenſchaftlichen Lebens jener Zeit bot und durch die angeſtrebte Erleichterung des Verſtändniſſes der heiligen Schrift dem ganzen deutſchen Volke zum wahren Heile gereichen mußte.

Ratichius hat ſich nie vermeſſen, ſelber alle die Sprachen, Wiſſenſchaften und Künſte mit ſeinem Wiſſen umfaßt zu haben, für deren Erlernung er eine Unterweiſung geben wollte. Der Höhe und des Um⸗ fanges ſeines Zieles ſich bewußt, ſuchte er tüchtige Gelehrte der einzelnen Fächer zu Mitarbeitern zu gewinnen. Seiner eigenen Vorbildung und der hauptſächlich auf ſprachliche und philoſophiſche Studien gehenden wiſſen⸗

1610 bei Ratichius als Zögling war, Hentich, Melchior Jenisch, auch Peter Roelandt; insbeſondere dann noch der Wein⸗ händler Gerhard Bien(In Bien ſahen Ratichius Freunde gern ſeinen künftigen Schwiegervater) und Gillis Rophe.