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fremden Sprache, durch die Mutterſprache vermittelt wird, ſo iſt der Pflege der Mutterſprache eine beſondere Sorgfalt zuzuwenden; mit ihr hat alſo aller Unterricht zu beginnen. Die Methode des Unterrichtes aber muß eine naturgemäße ſein. Da nun ein Schüler nur dasjenige, was er zuvor recht begriffen hat, ordentlich lernen und ſich dauernd einprägen kann, alles Begreifen aber auf Geſicht und Gehör und deren wiederholter und auf nur Ein Object, das eben zu begreifende, gerichteter Thätigkeit beruht: ſo iſt die Aufgabe des Lehrers, in beſonnenem, langſamem Fortſchreiten vom Leichteren zum Schwereren und in unbedingter Be⸗ ſchränkung allemal auf Ein Lehrobject, ſowie unter Benutzung möglichſt weniger und für die verſchiedenen Lehrgegenſtände möglichſt gleichmäßig und knapp abgefaßter Lehrbücher den Lernſtoff durch wiederholtes Vor⸗ ſprechen, Vorleſen und Erklären dem Verſtändniſſe des Schülers nahezubringen und deſſen Gedächtniſſe einzu⸗ prägen, dabei die Thätigkeit des Schülers in Sprechen und Schreiben möglichſt wenig in Anſpruch zu nehmen (die Schüler werden erſt dann über einen Lernſtoff gefragt, wenn der Lehrer ihnen dieſen durch Vorſprechen ganz zu eigen gemacht hat; z. B. am Schluſſe einer Woche über den während derſelben wiederholt vorge⸗ tragenen Stoff). Die den Schüler gar nicht anſtrengende Leichtigkeit dieſer Methode, verbunden mit freund⸗ licher, liebevoller Behandlung der Schüler durch den Lehrer, weckt und erhält rechte Luſt am Lernen.
Dieſe lediglich auf das verhältnißmäßig kleine Gebiet des Unterrichtes gerichteten Reformbeſtrebungen ſollten aber nach den weitgehenden Gedanken des Ratichius nur eine Vorbereitung für eine großartige, das geſammte geiſtige und ſittliche Leben ſeiner Zeit umfaſſende Reform ſein, welche auf einer methodiſchen, zunächſt für die Unterweiſung der Jugend, dann aber für die geſammte Volksbildung berechneten Sichtung, Feſtſtellung und ſyſtematiſchen Anordnung des Inhaltes aller Disciplinen menſchlicher Wiſſenſchaft und Bildung beruhte.
Um die Erfahrungen, welche er bei der Unterweiſung ſeiner Schüler in Holland gemacht hatte, gemeinnützig zu machen, bot Ratichius dem Prinzen Moritz von Oranien ſeine Dienſte zur Verbeſſerung der holländiſchen Schulen an. Der Prinz ging auch auf das Anerbieten ein; als er aber das entſchiedene Ver⸗ langen ſtellte, daß die erfundene neue Lehrart lediglich auf den lateiniſchen Sprachunterricht beſchränkt werde, ſo zog der Didaktiker ſein Anerbieten wieder zurück und richtete nun ſeine Blicke auf Deutſchland, um die Vortheile ſeiner Erfindung ſeinem Vaterlande und insbeſondere den evangeliſch⸗lutheriſchen Städten und Ländern zu Gute kommen zu laſſen; im Juli 1610 verließ er Amſterdam und Holland. Er beſuchte zuerſt Straßburg, dann Baſel, fand aber an keinem dieſer Orte die bereitwillige Unterſtützung und wandte ſich daher nach Frankfurt am Main.
Er kehrte in ſein Vaterland zurück, erfüllt von dem glühenden Wunſche, der deutſchen Nation Glück und Heil durch ſeine neue Lehrart zu bringen. Darum vor Allem wählte er Frankfurt zu ſeinem Aufent⸗ haltsort, die Centralſtadt des deutſchen Reiches, zugleich auch„wegen allerhandt Bequemlichkeit der Bücher⸗ meſſen, beſonders aber der Truckereyen deſto beßer rath zu ſchaffen“, endlich auch wegen einiger einflußreichen holländiſchen Bekanntſchaften, die er in dieſer Stadt hatte*).
*) Zu dieſen holländiſchen Bekanntſchaften gehörte vorzüglich die Familie des Juweliers Daniel Briers, die ihm allezeit die treueſte Freundſchaft bewies und ihn auch regelmäßig in ihrem Hauſe beherbergte und nach Kräften unterſtützte. Vornehmlich nahm Frau Anna Briers dem leicht empfänglichen und empfindlichen Didaktiker gegenüber die beruhigende und vermittelnde Stellung einer mütterlichen Freundin ein; und der wohlgeſtellte Juwelier durfte es ſich auch wie nicht leicht ein anderer heraus⸗ nehmen, dem aufbrauſenden Zorne Ratichius ein ernſtes verweiſendes Wort entgegen zu halten. Andererſeits waren die Briers auch von dem vollſten Vertrauen in des Ratichius Lehrkunſt und deren hohe reformatoriſche Bedeutung für das Wohl der ganzen Chriſtenheit, und inſonderheit der lutheriſchen, auf das feſteſte überzeugt.(Sie übergaben ihm auch ihren Sohn Adrian zur Erziehung und Unterweiſung.) Die Freundſchaft des reichen Juweliers kam Ratichius auch ſonſt zu Statten; derſelbe half ihm in Geldverlegenheiten mit aller Bereitwilligkeit und beſorgte ihm bei ſeinen Reiſen zur Leipziger Meſſe Bücher von Leipzig u. dgl. m.— Zu ſeinen übrigen früheſten Freunden in Frankfurt gehörten der Materialiſt Cornelius Peters, deſſen Sohn ſchon


