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Arbeitsfeld, deſſen Bebauung zur Ehre Gottes und zum Heile ſeines Vaterlandes er zur Aufgabe ſeines Lebens zu machen ſich entſchloß.
Um ſich in der hebräiſchen Sprache ſowie in der Mathematik zu vervollkommnen, unternahm er, wahrſcheinlich im Mai 1603, eine größere Reiſe nach England*) und nach Holland. In Holland, wo damals alle Wiſſenſchaften in großartigem Gedeihen ſtanden, hielt er ſich an 8 Jahre lang auf**) und zwar meiſten⸗ theils in Amſterdam. Hier beſchäftigte er ſich nicht nur mit Mathematik und ſprachlichen Studien— Arabiſch ſoll er von einem geborenen Araber erlernt haben— ſondern auch theoretiſch und praktiſch mit der Er⸗ ziehungskunſt und der Didaktik***). Er hatte Zöglinge(z. B. von Frankfurt) bei ſich im Hauſe, die er unter Beihülfe ſeiner gelehrten holländiſchen Freunde in den alten Sprachen unterwies. Viele ſeiner Schüler brachte er ſchon damals dahin, daß ſie, wenn ſie auch beim Beginn des Unterrichtes kaum leſen gekonnt hatten, in 8 Monaten jeden lateiniſchen Autor verſtehen konnten.
Die Grundzüge der von Ratichius ſchon damals befolgten Lehrart hat derſelbe ſpäter kaum ge⸗ ändert. Ausgehend von dem Gedanken, daß das letzte Ziel alles Jugendunterrichtes rechte Erkenntniß Gottes ſei, und daß dieſe zunächſt durch das Studium derjenigen Sprachen zu gewinnen ſei, in denen ſich Gott den Menſchen geoffenbart habe, betrachtete er den Sprachunterricht als die Grundlage und den Anfang aller Unterweiſung und die beiden heiligen Sprachen, Hebräiſch und Griechiſch, als deren vorzüglichſten Gegenſtand. Da nun das Verſtändniß und das Erfaſſen eines jeden Lernſtoffes, alſo auch dasjenige einer
Rhenius Methodus quadruplex. Lips. 1617 u. 1626) erſchienenen Tractats von Nicodemus Frischlinus de ratione instituendi puerum zu verdanken. In dieſem Schriftchen finden ſich allerdings einzelne Gedanken ausgeſprochen, mit denen Ratichius weiter baute(wie: Ingenia puerorum turbantur, quando plura simul coguntur discere, und Exemplis vivunt Regulae, und Usu magis vigent linguae quam regulis; auch die Heranziehung der Mutterſprache beim Lernen und Flectieren von Vocabeln ꝛc. aus fremden Sprachen), und wird auf einen methodiſchen Stufengang des auf 7 Jahre berechneten Unterrichts ein Hauptgewicht gelegt; doch waren jene Gedanken keineswegs neu, und in den didaktiſchen Winken weicht Ratichius vielfach ab, wie er z. B. ein Gegner des von Frischlinus empfohlenen fleißigen Memorierens und Schreibens war und den täglichen Stundenplan des Letzteren niemals gebilligt haben würde. Von den weiteren, auf eine allgemeine Reformation des Volkslebens gerichteten Zielen des Ratichius findet ſich bei Frischlinus keine Andeutung.— Andere meinten in Ratichius Lehrart nur die weitere Ausbildung der Lehrmethode ſeines Roſtocker Freundes Prof. Lubinus erkennen zu müſſen; doch verſicherte ein Schüler des Ra- tichius(S. Schreiben des Jost Borck an den Herzog von Stettin d. d. 28. Juni 1614),„daß Ratichius von ſolchen Figuren, damit der Herr Lubinus vermeinet der Jugendt die Lateiniſche ſprach einzubilden, gahr nichts wiße, vnd daß dahero derſelbe rechtt geſagt, es were ein großer Vnterſchied zwiſchen ſeinem vnd des H. Lubini Methodis docendi. Denn der Ratichius tradirt praecepta Grammatices et Syntaxis, ſo ſeinem Bericht nach auß des Hr. Philippi vnd Prischlini praeceptis zuſammen⸗ gezogen, aber in usu et applicatione praeceptorum beſtunde der meiſte Vortheil.“— Lubinus rieth u. A. die Gründung einer Colonia Romana, um der Jugend das Erlernen des Lateiniſchen zu erleichtern. Vgl. F. Burckhard, de linguae latin. in Germania fatis, II. Wolfenb. 1721. 8. p. 587.— Der von Guhrauer(Joach. Jungius. 1850. S. 44. 45 u. Beil. 21) als „verunglückter Vorläufer des Ratichius“ bezeichnete Pancratius Crugerus(1580— 1588 Rector in Lübeck) iſt ſicherlich ohne allen Einfluß auf Ratichius geweſen. Crugerus wich allerdings von der alten Lehrweiſe ab und wollte die Melanchthonſchen Lehr⸗ bücher beſonders in Dialektik und Grammatik verbeſſern(Er nahm anſtatt 8 Redetheile deren 4 an, die er durch Unterab⸗ theilungen auf 60 brachte, unterſchied 46 Declinationen u. ſ. w.); auch verſprach er, für 200 Thaler einem 7⸗ oder Sjährigen Knaben in 4 Jahren„per singulare aliquod artificium“„congrue und wol gut Latein zu reden“ beizubringen. Seine Verſuche mißlangen aber vollſtändig und brachten ihn mit ſeinem ſtreitſüchtigen Weſen um allen Credit und um ſein Amt.— Eingehender wird über dieſe Männer in dem Anhang über Ratichius Vorläufer und Nachfolger gehandelt werden.
*) Die Vermuthung Raumers(Geſch. d. Päd. II., S. 37), daß Ratichius damals in England Baco's erſte Schriften kennen gelernt habe, iſt irrig. Denn Baco's erſte Schrift De Dignitate et augmentis scientiarum erſchien 1605 zu einer Zeit, als Ratichius längſt in Holland war.
**) Testimonium der Geiſtlichen zu Amſterdam d. 9. Juli 1610 bei Krauſe l. l. S. 2. 3 **) Nach E. Weber in Weimars Album zur 4. Säcularfeier der Buchdruckerkunſt, Weimar 1840. p. 36, machte ſich Ratichius in Holland auch mit dem Techniſchen der dort blühenden Buchdruckerkunſt bekannt.


