Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 1. Abteilung
Entstehung
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. vergeblich geſtrebt und gewirkt. Der von ihm gegebene Anſtoß wirkte noch lange Zeit zum Segen der deutſchen Schule fort. Die nachfolgende Lebensbeſchreibung iſt faſt durchaus nur aus den oben erwähnten handſchriftlichen Quellen geſchöpft; nur für die erſte Zeit beruht ſie zum größten Theile auf Motſchmanns Nachrichten. Der Lebensbeſchreibung wird ſich außer anderen literariſchen Nachweiſen eine ſchulgeſchichtliche und bibliographiſche Darſtellung der Vorgänger und der Nachläufer des Räàtichius anſchließen.

§. 1. Ratichius Leben bis zur Alebergabe des Memorials in Frankfurt a. M.(15711612).

Wolfgang Ratke(Radtke, Rateke, Ratcke) oder, wie er ſich ſeit ſeiner erſten Reiſe ins Ausland(1603) mit latiniſiertem Namen nannte, Ratichius, war am 18. October 1571 zu Wilſter, einem holſteiniſchen Städtchen nördlich von Glückſtadt, geboren*). Er war ſeiner Eltern, ehrſamer Bürgersleute, einziger Sohn. Sein Vater, Andreas Ratke, ſcheint frühe geſtorben zu ſein; ſeine Mutter, Margareta Roſtin, welche in ihrem Alter mit ſtolzer Liebe an dem gelehrten Sohne hing, ſtarb 66 Jahre alt am 29. Mai 1613**).

Der junge Wolfgang beſuchte das Johanneum zu Hamburg zugleich mit dem ihm durch Alter, Gemeinſchaft der Studien und Aehnlichkeit des unſtäten Lebens nahe verbundenen und befreundeten Joh. Huswedel aus Hamburg***). Seine Univerſitätsſtudien machte er bis mindeſtens 1598) in Theologie und Philoſophie in Roſtock, wo die durch Männer wie Simon Pauli( 1591), David Chytraeus( 1603), Joh. Frederus( 1604), Valentin Schacht(f 1607) und Lucas Bacmeister( 1600) ſtreng vertretene reine lutheriſche Lehre auf die von ihm in ſeinem ganzen Leben verfolgte theologiſche Richtung von ent⸗ ſcheidendem Einfluſſe war, und wo die philoſophiſchen Vorleſungen des jüngeren Matthias Flacius IIlyricus ( 1593) und dann des Martin Brachius, die hebräiſchen des Goniaeus( 1595) und die mathema⸗ tiſchen des Magnus Pegelius(1591 1604) ihm zugänglich waren. Die Univerſität Roſtock ſtand damals in großem Anſehen und erfreute ſich eines Zuzuges von Studenten aus allen Ländern, namentlich auch aus Schweden ††). Unter denjenigen Studiengenoſſen, denen Ratichius näher getreten zu ſein ſcheint, ſeien erwähnt Eilhart Lubinus, Huswedel, Paul Tarnovius, Cornelius Martini, Joh. Wouwerius, der Däne Oligerus Rosencrantz und der Schwede Axel Ocksenstern.

Die erſten Jahre nach ſeiner Studienzeit, die Jahre 1600 bis 1603, verlebte Ratichius in ſeiner Heimath. Da ihn ein organiſcher Fehler, der ihm das Sprechen erſchwerte, von der Verfolgung der Prediger⸗ laufbahn abhielt, ſo hatte er ſich ſchon in Roſtock mit allem Eifer auf das Studium der Sprachen, vorzüglich der hebräiſchen, geworfen und war daneben durch die Lectüre pädagogiſcher Schriften ganz beſonders zu fleißigem Nachdenken über die zweckmäßigſte Methode der Unterweiſung in. Künſten und Wiſſenſchaften angeregt worden ††). Dieſe Gedanken eröffneten ſeinem edlen und ſtrebſamen Geiſte bald ein weites herrliches

*) S. Geburtsbrief vom Rathe zu Wilſter ausgeſtellt den 16. Mai 1603 bei Krauſe, W. Ratichius. Leipzig 1872. S. 1. *) Von ſeinen Schweſtern war eine ſeit 1602 an einen Hans Joachim Vogel in Wilſter, eine andere(Catharina) ſeit Pfingſten 1613 an den Organiſt Joh. Funcke zu Brunsbüttel verheirathet.

***) Vgl. über ihn Calmberg, Geſch. des Johanneums in Hamburg. 1829. S. 92 ff. und(Kraft:) Historia Joannei Hamburgensis. 1855. S. 6 ff.

) Die Zeitbeſtimmung geht aus einem Briefe des Prof. Henr. Höpfner an den Herzog v. Pommern v. 19. Jan. 1614 hervor. ††) Vgl. O. Krabbe, die Univerſität Roſtock im 15. u. 16. Jahrhundert. Roſtock u. Schwerin 1854. S. 744 ff.

†rr) Nach des Ratichius eigener Angabe, beſtätigt durch eine Notiz des Profeſſors Alb. Grawerus in Jena(vom 23. Dec. 1612), hatte er die erſte Anregung zu ſeinen didaktiſchen Reformbeſtrebungen der Lectüre des zuerſt 1584(Gyssingae, exc. Joh. Manlinus; hernach hinter Frischlini Methodus declamandi. Argentor. 1606. 8. p. 265 278; dann auch in des Ratichianers

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