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eine Pflicht der Pietät betrachtet, das angehäufte reiche Material zu verarbeiten, und war in meiner früheren Amtsſtellung ſo glücklich, neben der Betreibung meiner auf eine Literaturgeſchichte der Pädagogik gerichteten bibliographiſchen Privatſtudien noch Zeit zur Abfaſſung einer Lebensbeſchreibung des Ratichius zu finden. Den Anfang dieſer vor ſechs Jahren geſchriebenen Arbeit biete ich in dieſer Schulſchrift.
Die Geſchichte des Ratichius und ſeiner Lehrart bildet nicht nur ein für jeden Schulmann anzie⸗ hendes und lehrreiches Capitel der Geſchichte der Pädagogik, ſondern verdient wohl auch eine allgemeinere Beachtung, da ſich in derſelben ein gutes Stück der von den edelſten Geiſtern zu Anfang des 17. Jahrhunderts vertretenen Beſtrebungen, die von den Reformatoren des vorhergehenden Jahrhunderts beibehaltenen oder neu aufgeſtellten Grundlagen aller geiſtigen Bildung zu revidieren und zu reformieren, abſpielt. Die hervorragendſten Gelehrten jener Zeit verfolgten des Ratichius pädagogiſche Beſtrebungen mit größter Aufmerkſamkeit und eifrigſter Parteinahme für und wider; die lutheriſchen Theologen insbeſondere würdigten die große Bedeutung derſelben für das religiöſe Leben des deutſchen Volkes und unterſtützten den Didakticus, ſo lange ſie in ihm und ſeinem Werke eine kräftige Förderung ihrer eigenen theologiſchen Richtung zu finden glaubten. Die edelſten Fürſtenhäuſer ſchenkten der Bewegung eine Beachtung und brachten für dieſelbe bereitwillig die größten Opfer mit einer Hingebung und Treue, welche ein ehrendes Zeugniß von wahrhaft hoher patriotiſcher und frommer Auffaſſung ihres Fürſtenberufes ablegt. Erwägt man dazu, wie auch die bürgerliche Gemeinſchaft der be⸗ deutendſten evangeliſchen Städte Deutſchlands auf das lebhafteſte in die Bewegung hineingezogen wurde, ſo wird einer erneuten und eingehenden Behandlung des Ratichianismus als eines beachtenswerthen Stückes der Geſchichte des vaterländiſchen Culturlebens die Berechtigung nicht verſagt werden können.
Der Lebensgang des Mannes, welcher unbeſtritten den Anſtoß zu dieſer Bewegung gegeben hat, ſpielt ſich faſt wie eine Tragödie ab. Ratichius war ein echtes Kind des holſteiniſchen Stammes. Eine derbe, thatkräftige und zähe Natur, raſtlos und unermüdlich auch in wenig lohnender, angeſtrengteſter Arbeit, feſt und unbeugſam bis zu trotzigem Starrſinne und doch unruhig, weich und zu elegiſcher Stimmung geneigt, verſchloſſen, geheimnißvoll und mißtrauiſch und dann wieder rückhaltlos ſein Herz eröffnend oder los⸗ fahrend in raſch aufbrauſendem Jäbhzorne, beſcheiden, fein und artig in ſeiner äußeren Erſcheinung und ſeinen Manieren und dann wieder empfindlich, herrſchſüchtig und geradeaus bis zu rückſichtsloſer Grobheit, war er ein warmer liebeskräftiger Freund der Jugend und rechter Volksmenſch, der in kindlich frommem Sinne Gottes Ehre ſuchte und ſeines deutſchen Volkes zeitliche und ewige Wohlfahrt ehrlich erſtrebte, und der ſeine beſten Jahre und ſeine beſten Kräfte in unerſchütterlicher Ausdauer und ruheloſer Emſigkeit daran ſetzte, für dieſes wahrhaft hohe und edle Ziel zu arbeiten. Nach jahrelanger Vorbereitung in ſtiller Zurückgezogenheit tritt er in ſeinem 42. Lebensjahre mit ſeinem Werke hervor, um von da an heute hochgeehrt und kräftig unterſtützt von Fürſten und Städten, morgen bei denſelben angeſchwärzt und von ihnen verlaſſen oder verjagt zu werden, heute neidlos gefeiert und umbuhlt von den bedeutendſten Gelehrten, morgen von denſelben ver⸗ achtet und geſchmäht zu werden, heute geprieſen und angeſtaunt von allem Volke, morgen verhöhnt und als Betrüger verfolgt zu werden. Dazu geht die Verwüſtung des dreißigjährigen Krieges über ſein Werk hin; mit der Welt zerfallen friſtet der einſt glänzende Didaktiker die letzten Jahre ſeines Lebens in kümmer⸗ licher Abgeſchiedenheit, ohne daß er mit einiger Befriedigung auf bleibende Früchte der Beſtrebungen ſeines den höchſten und edelſten Zielen raſtlos gewidmeten Lebens hätte blicken können. Aber er hatte keineswegs
Ratichius von dem Paſtor M. Casp. Binder zu Mattſtedt bei Jena erhalten(Vgl. auch Binderi Acta Historico-Eccle- siastica. V. Bd. Weimar 1741. S. 778.) und aus dem von Ratichius letztem Freunde, dem Erfurter Profeſſor Joh. Matthae. Meyfartus, unmittelbar nach deſſen Tode herausgegebenen Programma Publicum In exequiis Clarissimi et Excellentissimi Viri Dn. Wolfgangi Ratichii, Didactici, P. M. more Academico affixum Anno MDCXXXV. Erfurti Typis Spangen- bergianis excusum. 10 unpag. S. 4. entnommen.


