Das Leben und die pädagogiſchen Beſtrebungen
des
Wolfgang Ratichius.
Nachdem durch die Auffindung der ſ. g. Acta Ratichiana im Cöthener Archive die zuverläſſigſten und ausgiebigſten Hülfsmittel zu einer Schilderung des Lebens und der pädagogiſchen Beſtrebungen des Didaktikers Wolfgang Ratichius geboten ſind*), dürfte es an der Zeit ſein, an die neue Bearbeitung eines Abſchnittes aus der Geſchichte der deutſchen Pädagogik Hand anzulegen, welcher bisher ſehr verſchiedene und einander durchaus widerſprechende Beurtheilungen erfahren hat. Denn nach dieſen Akten läßt ſich das Leben des Ratichius theilweiſe ſchon von dem Jahre 1602 an, dann von dem Herbſte 1610 an bis in das Jahr 1620 oft faſt Tag für Tag mit Sicherheit verfolgen. Zur Ergänzung derſelben dienen die auf der Herzog⸗ lichen Bibliothek zu Gotha vorhandenen„Acta Ratichii methodum concernentia“*), ferner einige die Beziehungen des Ratichius zu dem Heſſiſchen Landgrafen Moritz betreffende Aktenſtücke in dem Regierungs⸗ Archive und der Landes⸗Bibliothek zu Caſſel ſowie in dem Heſſiſchen Staats⸗Archive zu Marburg***), endlich für die Jahre 1623, 1629 und 1630 Abſchnitte aus einem Bande„Hortlederiana“ in dem Archive der Großherzoglichen Bibliothek zu Weimar †). Die genaue Einſicht des Inhaltes aller dieſer Aktenſtücke verdanke ich dem außerordentlichen Sammlerfleiße meines ſeligen Vaters, welcher mir auch die meiſten gedruckten Hülfs⸗ mittel zu einer Lebensbeſchreibung des Ratichius zugänglich gemacht hat ††). Ich habe es daher ſtets als
*) Es ſind etwa 1000 Briefe und Aufzeichnungen, bis zum Juni 1620 meiſtentheils von der Hand des Ratichius (theils Concepte von eigenen, theils Abſchriften von Briefen ꝛc. Anderer). Neuerdings hat Herr Hofrath Krauſe in Cöthen, dem das Verdienſt gebührt, jene Acta wieder aufgefunden zu haben, einen kleinen Theil(c. 150) derſelben nach einer für Ra- tichius wenig vortheilhaften Auswahl abdrucken laſſen.(Wolfgang Ratichius oder Ratke im Lichte ſeiner und der Zeitgenoſſen Briefe und als Didacticus in Cöthen und Magdeburg. Originalbeitrag zur Geſchichte der Pädagogik des 17. Jahrhunderts von G. Krauſe. Leipzig, Dyk, 1872. 8. XII. u. 182 S.)—
*) Dieſelben ſind lange nicht ausreichend genug benutzt worden von H. A. Niemeyer in ſeinen„Mittheilungen über Wolfgang Ratich“. Progr. des Königl. Pädagogiums zu Halle 1840. 4. 28 S.; 1841. 4. 16 S.; 1842. 4. 44 S.; 1843. 4. 20 S.; 1846. 4. 36 S. Von den Cöthener Akten kannte Niemeyer nur einen ſehr kleinen Theil.
***) Dieſelben ſind bis jetzt noch unbenutzt geblieben.
†) Unbedeutende Beiträge liefern die Archive zu Frankfurt a. M., zu Augsburg, Idſtein u. a.
†r) Eine die literariſchen Nachweiſe Niemeyers a. a. O. weit hinter ſich laſſende Zuſammenſtellung der den Ratichius und deſſen Lehrart betreffenden Literatur werde ich am Schluſſe zum Abdrucke bringen. Hier nur die Bemerkung, daß ſich die von pädagogiſchen Schriftſtellern vor Niemeyer gegebenen Nachrichten faſt ſämmtlich auf Juſt. Chph. Motſchmanns Erfordia literata continuata(Erfurt, Cruſius. 1733. S. 67—80.) zurückführen laſſen. Motſchmann ſelbſt hatte ſeine Nachrichten über


