Aufsatz 
Die Grundzüge des Städtewesens im Mittelalter : mit besonderer Beziehung auf die Freistadt Worms / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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fleißes austauſchen; daher ſchon frühzeitig Verordnungen zum Schutze des Verkehrs, aber auch ſtarke Abgaben in Form von Weg⸗ und Brückengeldern, Standgeld ꝛc. Da die größeren Märkte gewöhnlich an hohen kirchlichen Feſten gehalten wurden, ſo nannte man ſie auch Meſſen. Ueber⸗ haupt begünſtigte die Geiſtlichkeit den Handelsverkehr, und in den Kirchen wurden nicht ſelten koſtbare Waaren der größeren Sicherheit wegen niedergelegt; es mußten aber auch Geſetze gegeben werden, um den Verkauf derſelben in der Kirche ſelbſt zu verhindern. Von den Meſſen des weſtlichen Deutſchlands hat die 1240 zum erſtenmale erwähnte Frankfurter Meſſe von der letzten Zeit des Mittelalters bis zum vorigen Jahrhundert den erſten Rang eingenommen. Beginn und Ende der Meſſe wurde durch Einläuten und Ausläuten kundgegeben. Die fremden Kaufleute wurden durch Geleitsmannſchaften eingeholt und auch wieder bis an die Grenzen des Stadtgebietes begleitet. Waͤhrend der Meſſe wurden beſondere Vorſichtsmaßregeln zum Schutze der Kaufleute gegen die raubluſtige Ritterſchaft der Umgegend angewandt und Verträͤge mit benachbarten Landesherren zum Schutze der Durchreiſenden geſchloſſen. Von den beträchtlichen Meßabgaben waren manche Städte, wie Worms, befreit; doch mußte dafür in jeder Herbſtmeſſe bei dem ſ. g. Pfeifergerichte dem Schultheißen ein aus Holz geſchnitzter, weißer Becher mit einem Pfund Pfeffer, ein Paar auf dieſem liegende weiße Handſchuhe, ein auf letzteren liegender Räderalbus, ein weißes Stäbchen und endlich ein Biberhut, ſpäter ſtatt desſelben ein Goldgulden entrichtet werden. Während der Meſſe waren große Freiheiten geſtattet; die Handwerker durften am Sonntage arbeiten, die Wirthshaus⸗ ſtunde war abgeſchafft, die Meßfremden, wie die Einwohner durften Faſtenſpeiſen genießen. Auch für Meßvergnügungen war geſorgt. So wurde 1450 zum erſtenmale ein Strauß, 1443 oder 1480 ein Elephant gezeigt; Seiltänzer traten auf, Spielleute wurden ſogar vom Rathe bezahlt. Auch eine Spielbank war auf Rechnung der Stadtkaſſe in dem Heißenſtein errichtet, welche im Jahre gegen 10,000 Stück Würfel verbrauchte und von 1396 an während der nächſten 16 Jahre durch⸗ ſchnittlich 891 fl. eintrug.

Privatleben Bis zum 13ten und 14ten Jahrhundert war die Lebensweiſe der Städter mäßig; Kleidung

der Städter. und Hausgeräth waren einfach, die Vergnügungen beſcheiden. Im 141ten Jahrhundert trugen die Männer einen gegürteten Rock mit engen Aermeln, welcher bei vornehmen Perſonen meiſt ſehr lang war; ferner einen weiten Oberrock oder Mantel, Kappe genannt, oft mit einer Kapuze, Gugel, verſehen. Die Beinkleider waren eng und beſtanden Anfangs aus zwei langen Strümpfen, die nachmals durch ein Obertheil verbunden wurden; daher der Ausdruckein Paar Hoſen. Schuhe oder Stiefel waren in der früheren Zeit nicht gebräuchlich; unter den Füßen iſt die Hoſe durch lederne Sohlen geſchützt. Das Haar wurde kurz getragen, das Geſicht glatt geſchoren. Schnurrbärte kommen gar nicht vor, der Vollbart Friedrich Barbaroſſas iſt eine Ausnahme. Später kam man auf die altdeutſche Sitte, das Haar lang zu tragen, zurück. Hüte oder Mützen von mannigfaltiger Geſtalt bedeckten das Haupt. Eine Wunderlichkeit iſt die ſ. g. getheilte Tracht, bei welcher z. B. die eine Hälfte der Kleidung von Kopf bis zu Fuß grün, die andere roth war; zuweilen iſt die eine Haͤlfte in viele Streifen, bis zu 50, getheilt, die dann wieder in verſchiedenen Muſtern ge⸗ ordnet ſind. Die Frauen trugen regelmäßig zwei Kleider, ein unteres, bis über die Füße herab⸗ wallendes, und ein oberes, welches nur bis an die Kniee reichte; unentbehrlich war auch ein ſchön verzierter Gürtel. Um das lange, ſelten geflochtene Haar trug man einen ſchmalen goldenen oder ſilbernen Reif, der ſpäter bis zum Diadem erweitert wurde und den Namen Schapel hatte; Andere trugen eine Art Haube, Gebende genannt. Ferner gehöͤrte zur weiblichen Tracht ein Schleier, der loſe auf den Kopf gelegt wurde und auf die Schultern herabfiel, ſowie eine Taſche von Leder oder