Aufsatz 
Die Grundzüge des Städtewesens im Mittelalter : mit besonderer Beziehung auf die Freistadt Worms / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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gewebtem Stoffe mit gepreßter oder geſtickter Arbeit, welche an einem Riemen oder einer Borte vom Gürtel tief herabhing. Die Kleider waren gewöhnlich von Wollentuch, häufig auch von Sammet und Seide. Die Farben waren ſehr mannigfaltig; beſonders geſchätzt waren Scharlachkleider, auch verbrämte man die Kleider gern mit Pelzwerk.

Um die Mitte des 14ten Jahrhunderts erfolgte ein Umſchwung in der Mode, die nun als eine höchſt bizarre, in Farbe, Schnitt und Verzierung übertriebene Ausartung der würdigen, und doch prächtigen früheren Tracht bezeichnet werden muß. Es war nach der großen Peſt, wo die Menſchen wieder anfingen, ſich einem fröhlichen Leben zu ergeben. Aber dieſes Wiedererwachen der Lebensluſt führte zu Ausſchweifungen aller Art, ſo daß ſich nicht nur die Obrigkeiten zu Verboten gewiſſer Trachten und zu umſtändlichen Kleiderordnungen veranlaßt fanden, ſondern ſogar die Reichstage zu Lindau 1497 und zu Freiburg i. B. 1498 einſchreiten mußten. Der charakteriſtiſche Zug der ent⸗ arteten Tracht iſt die übermäßige Enge der Kleidung, die alsdie kurze, ſchandbare Tracht be⸗ zeichnet und verdammt, nichts deſto weniger aber von Vornehm und Gering getragen wurde. Die Ränder des Oberkleides ſind in lange Zacken oder Lappen zerſchnitten, die geſpaltenen und zer⸗ ſchlitzten Aermel reichen bis zum Boden; das Unterkleid, der Rock, war zur förmlichen Jacke ge⸗ worden, oben weit ausgeſchnitten und durch zahlreiche Knöpfe geſchloſſen. Die lächerlichſte Aus⸗ artung iſt die Schellentracht, bei der überall Schellen, oft von koſtbarem Metall, an einem Halsband oder an dem Gurtel angebracht wurden, ſowie die Schnabelſchuhe, die bei Vornehmen oft über zwei Fuß lang waren und das Gehen derart verhinderten, daß man ſie zuweilen am Knie oder Gurtel mit Kettchen befeſtigte. Unter ihnen trug man verzierte Holzſchuhe mit doppelten Klötzchen; an der Spitze des Schnabels war zuweilen eine Schelle angebracht. Das Leder der Schuhe war oft ver⸗ ſchiedenfarbig, geſtickt, mit gothiſchen Verzierungen durchbrochen. In Friedberg in der Wetterau wollten die Bäcker und Schuſter nicht dulden, daß die Schneidergeſellen getheilte Schuhe, den einen weiß, den andern ſchwarz, trugen, und es mußte deßhalb ein Gutachten des Frankfurter Rathes eingeholt werden. Später ſchlug die Tracht der Schnabelſchuhe gerade in das Gegentheil um, und man trug die breiten Kuhmäuler oder Entenſchnäbel, wie auch ſtatt der engen Kleider die unge⸗ heuerlichen, zerſchlitzten Pluderhoſen und die weiten Puffenärmel aufkamen. Als Kopfbedeckung trug man Mützen mit ſteifem Rande, aus denen oben eine Maſſe überflüſſigen Stoffes hervorquoll, ſo daß man ihnen jede beliebige Geſtalt geben konnte. Auch Filzhüte wurden getragen mit einem ſehr langen, hellfarbigen ſeidenen Bande, welches über die Bruſt oder Schulter herabſiel, oder wie ein Turban um den Hut gewunden wurde. Bei den Frauen kamen die Schleppen in Gebrauch, deren Länge durch Verordnungen beſchränkt werden mußte, wie in Modena, wo ein in Stein gehauenes Modell aufgeſtellt war, damit die verdächtigen Schleppen ſofort daran gemeſſen werden könnten. Die Oberkleider von Brokat, Damaſt und andern koſtbaren Stoffen waren gleichfalls gezackt und reich mit goldenen Spangen, Borten und Pelzwerk verziert. Als Kopfbedeckung trugen die Frauen jetzt die aus breiten, verſchiedenfarbigen Streifen zuſammengeſetzte und gezackte Gugel, oder auch eine goldgeſchmückte, mit Perlen beſetzte hohe Haube von barocker Form, oft wie ein koloſſales Horn geſtaltet. Auch Schönheitsmittel waren ganz allgemein im Gebrauch; Schminken, Pomaden ꝛc. wurden im Uebermaß nicht nur von Frauen, ſondern auch von Männern angewandt. Daß dieſer Lurus nicht nur von den höheren Ständen getrieben wurde, ſondern auch in die unteren Schichten gedrungen war, beweiſt u. A. eine Verordnung des Rathes zu Breslau, wodurch den Dienſtboten das Tragen von Seide, Atlas, Perlen und Sammt bei Gefängnißſtrafe verboten wurde.

Wie in Kleidung, ſo war auch in Speiſen und Getränken eine faſt unglaubliche Ueppigkeit