Aufsatz 
Die Grundzüge des Städtewesens im Mittelalter : mit besonderer Beziehung auf die Freistadt Worms / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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Beſchäftigung der Städte⸗ bewohner.

Ackerbau, Weinbau.

Gewerbe.

Handel.

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Trotz allen Vorkehrungen für die Wohlfahrt der Bürgerſchaft war der Geſundheitszuſtand in den Städten nicht günſtig. Durch die enge Bauart, den Mangel an Abzugskanälen, die mit ſtehendem Waſſer gefüllten Stadtgräben ac. war die Sterblichkeit unter gewöhnlichen Umſtänden groß, ſie wurde geradezu erſchreckend zur Zeit der peſtartigen Krankheiten, welche namentlich im 14ten Jahrh. das weſt⸗ liche Europa heimſuchten. Wenn man dem Chroniſten Zorn glauben darf, ſo ſtarben 1313 in Worms 6000, in Mainz 16,000, in Köln 30,000, in Trier 13,000, in Straßburg ſogar 130,000(2) Menſchen. Der Pöbel half ſich freilich damit, daß er die Juden beſchuldigte, die Brunnen vergiftet zu haben, und ſie mit Raub und Mord verfolgte; für die Milderung der vorhandenen Uebelſtände geſchah wenig, höchſtens daß man hier und da beſoldete Stadtärzte(in Frankfurt jüdiſche) anſtellte.

Die Beſchäftigung der Städtebewohner im Mittelalter war verſchiedener Art. Die angeſehenſten Einwohner, beſonders die Patricier, lebten von dem Ertrage ihrer Güter, die ſie in der Stadt⸗ gemarkung, wie auch in den benachbarten Ortſchaften beſaßen. Von großer Bedeutung war der Weinbau, der eine weit größere Ausbreitung als in der jetzigen Zeit hatte und bis nach Danzig und Königsberg hin betrieben wurde. Von welcher Qualität dieſe nordiſchen Weine waren, darüber läßt ſich kein Urtheil mehr fällen; doch wiſſen wir, daß man häufig verſüßte Gewürzweine trank, alſo auch damals ſchon beſtrebt war, der Natur etwas nachzuhelfen. Bei Weitem die Mehrzahl der Städte⸗ bewohner beſchäftigte ſich mit Gewerben und Handel. Von den Gewerben war das angeſehenſte die Tuchmacherei, welche meiſt fabrikmäßig betrieben wurde und nicht nur einheimiſche Wolle, ſondern auch die feineren Wollen Englands, Spaniens und Nord⸗Afrikas verarbeitete. Gröbere Wollen und Tuche lieferte Friesland. Am Blühendſten war die Wollweberei in den Niederlanden; in Brügge ſollen im 13ten und 14ten Jahrh. 50,000 Menſchen davon ihren Unterhalt gehabt haben, die aber auch als die trotzigſten und aufrühreriſchſten unter den Handwerkern bezeichnet werden. In Worms deutet noch der Name Wollgaſſe auf die Wichtigkeit der Wollweberei hin. Scharfe Geſetze ſorgten für die Güte des Gewebes und der Farben, für die richtige Länge und Breite der Stücke, die von geſchworenen Tuchſchauern geſtempelt wurden, ehe ſie in den Verkehr übergingen. Leinwand wurde vorzugsweiſe auf dem Lande verfertigt, nur die feineren Stoffe, wie z. B. das Kammertuch aus Cambray, gingen aus den Städten hervor. Von großer Wichtigkeit war auch die Verfertigung von Metallwaaren. Die Producte der Schmiede, beſonders der Waffenſchmiede, der Schloſſer, der Zinn⸗ und Gelbgießer waren geſuchte Artikel und zeigen ſchon frühe einen hohen Grad von Kunſtfertigkeit. Von großer Bedeutung waren auch die Gewerbe, welche ſich mit der Bereitung und Verarbeitung des Leders beſchäftigten, da der Bedarf der Reiſigen an Sätteln, Pſerdegeſchirren, Reithoſen ꝛc. vorzugsweiſe durch die ſtädtiſche Induſtrie gedeckt wurde.

Der Handel der deutſchen Städte im Mittelalter umfaßte theils die eigenen Erzeugniſſe des Bodens oder der Kunſtfertigkett, theils die Naturprodukte und die Fabrikate des Auslandes; er war zugleich zum großen Theil Zwiſchenhandel, beſonders in dem Vertriebe der orientaliſchen Waaren, wie weiter oben bereits ausgeführt worden iſt. Aus dem Orient, Griechenland und Unteritalien kamen Gewürze, deren Verbrauch früher ungleich größer war als jetzt, Heilmittel, Zucker, welcher in Aegypten, Kreta, Syrien, dann auch in Sicilien und Spanien gebaut wurde, Alaun, Süd⸗ früchte, Baumöl, Reis, Wein; ferner Seide, Baumwolle, feine Wolle, Kleidungsſtoffe aus Seide, Baumwolle, Wolle, durch ſchöne Muſter und ächte, glänzende Farben ausgezeichnet; darunter werden die Goldbrokate und Sammte der arabiſchen Weber in Palermo gerühmt, auch der Mailänder Barchent wurde bis auf die Frankfurter Meſſen gebracht. Aus Spanien kamen die von den Mauren ge⸗ fertigten feinen Baumwollenſtoffe, ſowie das hochgeſchätzte Corduanleder, welches ſeinen Namen von