Aufsatz 
Die Grundzüge des Städtewesens im Mittelalter : mit besonderer Beziehung auf die Freistadt Worms / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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Wipper ihre betrügeriſchen Operationen im großartigſten Maßſtabe ausführten; erſt nach dieſer Zeit traten verhältnißmäßig geordnete Zuſtaͤnde in dem Münzweſen ein Für das Mittelalter gilt als feſte Regel, daß das Pfund fortwährend zu 240 Pfennigen ausgeprägt wurde; durch Legirung mit Kupfer hat ſpäter das Münzpfund nur den Werth eines Mark d. h. eines halben Pfundes Silber, zuletzt prägte man aus der Mark 2, 3, ſelbſt 4 Pfund Münze. Zu Anfang des 13ten Jahrhunderts kamen die zuerſt in Schwäbiſch⸗Hall geprägten leichten Pfennige oder Häller auf, die nur den halben Werth der Pfennige hatten; ſpäter verlor ſich dieſer Unterſchied, Pfennig und Heller iſt gleichbedeutend. Auch prägte man Doppel⸗oder Dickpfennige(grossi, Groſchen), von denen 120 auf das Pfund gingen. Wegen des äußerſt verſchiedenen Feingehaltes der Pfennige gab man bei Zahlungsverſprechen u. dgl. gewöhnlich die Münzſtätte an und rechnete nach Wormſer oder Speierer Münze, guten Pfennigen ꝛc. Zu Ende des 12ten Jahrhunderts mag das Pfund Pfennige nach unſerem Gelde etwa noch 21 Gulden werth geweſen ſein, ſpäter kam es bis auf etwa 5 Gulden herab. Für den Großhandel, ſowie für das Rechnungsweſen der Städte wurde deßhalb meiſt nach der Mark Silber gerechnet; da aber auch die Mark durch Zuſatz von 4 Loth Kupfer bis 12 Loth fein Silber verſchlechtert wurde, ſo kehrte man wieder zu der alten Rechnung nach Pfunden zurück. Für größere Zahlungen bediente man ſich auch der zuerſt in Florenz geprägten Florenen oder Goldgulden, von denen 64 auf die feine Mark gingen; deutſche Goldgulden wurden je 66 aus der rauhen Mark geprägt; 8 Goldgulden wurden auf die feine Mark Silber gerechnet. Wenn hiernach die Ausdrücke Pfund, Schilling, Pfennig, Heller je nach den verſchiedenen Zeiten, wie nach den Münzſtäͤtten ganz verſchiedene Werthe darſtellen, ſo tritt ein ähnliches Verhältniß ein, wenn wir den Geldwerth nach dem Preiſe der nothwendigſten Lebensmittel beſtimmen wollen. Erfahren wir z. B., welchen Preis ein Malter Korn zu einer gewiſſen Zeit an einem gewiſſen Orte hatte, ſo müßten wir zuerſt den Feingehalt der angegebenen Münze, dann aber auch den Rauminhalt des Malters er⸗ mitteln, da auch Maaße und Gewichte eine beträchtliche lokale Verſchiedenheit zeigen. Außerdem waren die Verkehrsmittel für ſchwer wiegende Landesprodukte ſo mangelhaft, daß in einem Theile Deutſchlands Ueberfluß, in einem anderen der größte Mangel, in einem Jahre Hungerpreiſe vor⸗ kommen konnten, im nächſten durch eine reichliche Ernte die Früchte faſt werthlos wurden. Im Allgemeinen darf man nicht glauben, daß die Lebensbedürfniſſe im Mittelalter wohlfeiler als jetzt geweſen ſeien;z wenn man als Maßſtab den Tagelohn des gewöhnlichen Hand⸗ und Feldarbeiters annimmt, ſo darf man vielmehr behaupten, daß ſich der Arbeiter in unſeren Tagen beſſer nährt, beſſer kleidet, beſſer wohnt und überhaupt mehr Bequemlichkeiten durch ſeinen Lohn erwerben kann, als dies im Mittelalter der Fall war.

Die Einkünfte der Städte beſtanden in Bußen, Strafgeldern, Renten und Gefällen, Markt⸗ geldern, hauptſächlich aber in dem Ungelte, einer Verbrauchsſteuer von den nothwendigſten Lebens⸗ mitteln, wie von Getreide, Wein und Bier. Später erhob man auch directe Steuern von Perſonen und Vermögen, wozu noch bei beſonderen Fällen außerordentliche Umlagen kamen. Waren dieſe Einnahmen auch an und für ſich äußerſt beträchtlich, ſo reichten ſie doch für die immer wachſenden Bedürfniſſe des ſtädtiſchen Haushaltes nicht aus. Die Ausgaben beſtanden in Beden an den König und die Biſchöfe, in einer Geldentſchädigung für den Reichsdienſt nach Italien ꝛc. Dazu kamen noch betraͤchtliche Ausgaben für Geſchenke, die dem Könige, ſeiner Gemahlin und ſeinen Dienern bei ihrer Anweſenheit in den Städten gegeben wurden. Bedeutende Koſten verurſachte der Bau und die Unterhaltung der ſtädtiſchen Gebäude(wie die Worniſer zu Anfang des 13ten Jahrh. 2000 Mark Silber für den Bau ihres Bürgerhofes verwandten) und der Befeſtigungswerke; noch größer aber

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