Aufsatz 
Die Grundzüge des Städtewesens im Mittelalter : mit besonderer Beziehung auf die Freistadt Worms / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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Geſttlichkeit.

Weltliche Einwohner.

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60,000, Speier mit etwa 50,000, Baſel mit 40,000 E. Wenn man nun bedenkt, daß ein großer Theil des Bodens durch Kirchen und Kirchhöfe, Klöſter, adelige und patriciſche Höfe ꝛc. eingenommen war, ſo muß allerdings die Maſſe der Einwohnerſchaft äußerſt eng zuſammengewohnt haben, da überdies aus guten Gründen anzunehmen iſt, daß die Vorſtädte niemals ganz ausgebaut waren.

Was die verſchiedenen Einwohnerſtände betrifft, ſo gab es zunächſt einen zahlreichen, ſtark begüterten Klerus; die Weltgeiſtlichkeit führte den Ehrennamen Pfaffheit, die Kloſtergeiſtlichen werden einfach die geiſtlichen Leute genannt. Außerdem gab es noch Beghinen oder fromme Schweſtern, welche ſich einem, durch eine gewiſſe Regel geleiteten, frommen Leben widmeten, jedoch in die Welt zurücktreten konnten. In Frankfurt waren 39 Beghinenhäuſer, auch in Worms werden einige er⸗ wähnt. Die großen und immer wachſenden Beſitzungen der Geiſtlichkeit, welche Steuerfreiheit genoſſen, ſchmälerten die Einkünfte der Städte, weßhalb häufig Verbote gegen den Uebergang liegender Güter in die todte Hand gegeben wurden und wenigſtens für weitere Erwerbungen die Beſteuerung auf⸗ recht erhalten blieb. Auch die geiſtlichen Ritterorden hatten Höfe in den meiſten Städten; in Worms erkaufte der deutſche Orden 1324 einen großen Hof; ob derſelbe identiſch ſei mit dem bei Hamann angegebenen, vom Volke Deutſchordenshaus genannten Johanniterhof(an der Stelle des jetzigen Caſino's), in welchem auch Luther 1521 ſeine Herberge genommen hat, oder ob ein Deutſchordens⸗ haus und ein Johanniterhof neben einander beſtanden, wage ich nicht zu entſcheiden.

Die weltlichen Einwohner der Städte zerfielen in Dienſtmannen oder Ritter, Patricier, welche mit dieſen ebenbürtig waren, und Handwerker. Die Dienſtmannen hatten Anfangs große Vorrechte, mußten ſich aber ſpäter der ſtädtiſchen Gerichtsbarkeit und Beſteuerung unterwerfen. Sie verwalteten die Einkünfte der Biſchöfe und wußten ihre Aemter erblich zu machen. Den Reichsminiſterialen waren ſie, nachdem ſie den Reſt der Unfreiheit abgeſtreift, ebenbürtig, obwohl ſie nicht wie jene eine voll⸗ ſtändige Unabhängigkeit von der Oberhoheit der Biſchöfe erlangten. Seit dem Aufkommen des dritten Standes zogen ſich die Ritter meiſt auf das Land zurück. Zu den Dienſtmannen gehörten auch die Münzer oder Hausgenoſſen, eine Körperſchaft, welche das dem Stadtherrn von dem Könige lehensweiſe überlaſſene Münzregal in deſſen Auftrag und gegen eine Abgabe ausübte, zugleich auch Wechſelgeſchäfte u. dgl. trib. Von Wormſer Dienſtmannen werden u. A. genannt die Herren von Bockenheim, von Sülzen, von Pfeddersheim, hinter der Garküchen, von Gundheim. Am be⸗ rühmteſten wurde das Geſchlecht der Kämmerer von Worms, welches 1398 die Beſitzungen der aus⸗ geſtorbenen Herren von Dalburg oder Dalberg zu Lehen erhielt und von da an beide Namen führte. Der Kämmerer von Worms war der oberſte Beamte des Biſchofs, und das erblich gewordene Amt war ebenſo einflußreich, als einträglich. Unter der Neichsritterſchaft hat ſpäter die Familie wie be⸗ kannt den erſten Rang behauptet.

Die eigentlichen Vollbürger oder Patricier, auch Geſchlechter genannt, ſtehen an Rang dem Dienſtadel gleich und mögen an Zahl etwa den 2025ten Theil der Bevölkerung ausgemacht haben. Sie behaupteten längere Zeit hindurch die Herrſchaft und nannten ſich geradezu die Herren der Städte; auch traten geringere Bürger in ein beſonderes Schutzverhältniß, die Muntmannſchaft, zu den Patriciern, gegen welches häufige Verbote erlaſſen wurden. Die Geſchlechter waren Grund⸗ beſitzer und trieben Großhandel, von deſſen Ertrag ſie ihren Landbeſitz zu mehren ſuchten. Später hielten ſte den Handel für entehrend und gaben ihn gewöhnlich auf. Ihre Namen ſind meiſt von der Herkunft, dem Wohnorte, Eigenſchaften, Gewerben, Vornamen ꝛc. entlehnt. So finden wir in Worms folgende patriciſche Namen: von Köln(in Mainz gab es ein Geſchlecht von Worms), in der Wollgaſſe, in der Hangaſſe, vor der Muͤnze, Holtmund, Voſſelin(Füchslein), Jude, Raab,