Aufsatz 
Die Grundzüge des Städtewesens im Mittelalter : mit besonderer Beziehung auf die Freistadt Worms / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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Die Bauart der Privatgebäude war zur Zeit der größten Blüthe der Städte ſehr einfach. Die

meiſten Häuſer waren von Holzfachwerk und mit Stroh oder Schindeln gedeckt. Um Raum zu gewinnen, baute man die einzelnen Stockwerke über, ſo daß die Giebel der einander gegenüber ſtehenden Häuſer oft nur wenige Fuß von einander abſtanden, ein Unfug, der häufig verboten, aber nie ganz ausgerottet werden konnte, obwohl dadurch der Zugang von Luft und Licht in die ohnehin engen und ſchmutzigen Straßen über Gebühr verwehrt wurde. Auch die von Stein errichteten Höfe des Adels und der Geſchlechter waren mehr feſt als bequem gebaut uud auf's Ein⸗ fachſte ausgeſtattet. In Italien entſtanden in Folge der häufigen Fehden zwiſchen den Patriciern förm⸗ liche Kaſtelle innerhalb der Städte. Die Fenſter der Vorderſeite waren ohne Regel angebracht, da man ſich nach den Zimmern richtete, und gewöhnlich horizontal abgeſchloſſen; Spitzbogen bilden die Ausnahme. Glasfenſter waren ganz ſelten; Holzläden und Gitter, ſowie dünngeſchabtes Horn und Pergament gewährten Schutz gegen ſchlechte Witterung. Die Hausthüren waren aus feſtem Eichenholze gefertigt und mit künſtlichem Eiſenbeſchlage, ſowie mit einem Klopfer verſehen; neben der Thür war gewöhnlich eine Bank angebracht. Erſt im 15ten und 16ten Jahrhundert erbaute man jene prächtigen Patricierpaläſte, welche man noch jetzt bewundert, und deren Vorderſeiten zu⸗ weilen, wie in Augsburg, mit ſchönen Gemälden verziert wurden. In Italien, der Schweiz und Süddeutſchland findet man noch jetzt die im Mittelalter ganz gewöhnlich vorkommenden Lauben, d. h. Bogengänge mit Läden, von dem erſten Stockwerke bedeckt, welche Schutz gegen die Witterung gewaͤhrten. Später wurden nach Art der orientaliſchen Bazare förmliche Gebäude errichtet, Lauben oder Hallen genannt, in denen jedes Mitglied einer Zunft ſeine Bank hatte; ſo gab es Fleiſch⸗, Wein⸗, Brod⸗, Schuhbänke. Dieſe Sitte hat ſich in Frankfurt noch heute in Bezug auf den Fleiſchverkauf erhalten. Gewöhnlich waren die Lauben am Markte oder in der Nähe desſelben. Auch Verkaufsbuden wurden dem Erdgeſchoſſe des Hauſes vorgebaut, wie dies in Worms an der dem Dome zunächſt gelegenen Seite des Neumarktes der Fall war.

Der herrſchende Holzbau, der übrigens eines mannigfaltigen äußeren Schmuckes fähig war, verurſachte häufige Brände; ſo kamen in Worms während des 13ten Jahrhunderts allein 7 bedeu⸗ tende Brände vor, durch welche jedesmal ein beträchtlicher Theil der Stadt zerſtört und ein unermeß⸗ licher Schaden(einmal auf 150,000 Mark geſchätzt) verurſacht wurde. Uebrigens beſtand zu Regensburg ſchon im Jahre 1308 eine Feuerlöſchordnung. Die Häuſer hatten meiſt beſondere Namen, nach welchen auch zuweilen die darin wohnenden Familien benannt wurden. Wappen oder Haus⸗ zeichen, entweder gemalt oder in Stein gehauen, ließen den Beſitzer leicht erkennen. Auch die Bilder von Schutzheiligen waren auf einem Vorſprunge oder in einer Niſche des Hauſes aufgeſtellt, und gereimte Sprüche deuteten auf den frommen, oder weltlichen Sinn des Erbauers.

Die Städte waren in Bezirke,(Gebur⸗ oder Heimſchaften) eingetheilt, die mit den Pfarr⸗ ſprengeln zuſammen fallen und eine politiſche und kirchliche Bedeutung hatten. In Köln hatte jede Parochie ihren eigenen Vorſteher(Burrichter), der die niedere Gerichtsbarkeit ausübte, ihr Rath⸗ haus und ihre Heimbürger, eine Art von Polizeibeamten. Köln hatte Anfangs 7, ſpäter 19 Pfarrſprengel, welche längere Zeit den Charakter als ſelbſtſtändige Gemeinden behaupteten; Worms zählte zur Blüthezeit der Stadt 8 Pfarreien.

Die Einwohnerzahl der großen Biſchofsſtädte war während des 12ten und 13ten Jahrhunderts äußerſt beträchtlich, ſo daß man vielfach bezweifelt hat, ob auf dem engen Raume eine ſo bedeutende Anzahl von Menſchen habe zuſammen wohnen können. Am bevölkertſten waren Köln mit 120,000 E., Mainz und Straßburg mit je 90,000, Regensburg mit 80,000, Worms und Ulm mit

Privat⸗ Gebäude.

Lauben und Bänke.

Stadtbrände.

Innere Ein⸗ theilung der Städte.

Einwohner.