Aufsatz 
Die Grundzüge des Städtewesens im Mittelalter : mit besonderer Beziehung auf die Freistadt Worms / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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Straßen herumlaufen zu laſſen, ſowie allen Unrath auf die Straße zu werfen, weßhalb in Frank⸗ furt öfters Verbote dieſer Unſitte durch das ſ. g. Dreckmeiſteramt erlaſſen werden mußten. Regel⸗ mäßige Straßenbeleuchtung war bis zum 18ten Jahrhundert nirgends vorhanden; bei beſonderen Gelegenheiten, beſonders bei Feuersbrünſten, mußte Jedermann ein brennendes Licht vor ſeinem Hauſe aushängen, oder es wurden auf eiſernen Pfannen Pechkränze angezündet. Die öffentlichen Plätze waren weder zahlreich, noch geräumig; die meiſten Plätze des heutigen Worms ſind aus den Kirchhöfen und aus den durch die Zerſtörung mancher Kirchen entſtandenen leeren Räumen hervor⸗ gegangen. Die oft äußerſt originellen Namen der Straßen ſind wie ihre Richtung meiſt unver⸗ ändert geblieben; auch in den die Vorſtädte durchſchneidenden, jetzt von Weingärten und Gärten begrenzten Wegen erkennen wir genau die alten Straßen des Stadtplanes wieder. An den Straßen⸗ ecken und auf den freien Plätzen waren Ziehbrunnen, zuweilen mit reichem architektoniſchen Schmucke geziert.

Von den Gebäuden trugen die mächtigen Gotteshäuſer beſonders dazu bei, das äußere An⸗ ſehen einer mittelalterlichen Stadt impoſant zu machen. Von den zahlreichen Kirchen der Stadt Worms ſind einige bei dem Mordbrande des Jahres 1689 zu Grunde gegangen, andere von vanda⸗ liſchen Händen erſt vor wenigen Jahrzehnten abgetragen worden; dagegen ſind zwei proteſtantiſche Kirchen im vorigen Jahrhundert neu erbaut worden. Vor Allem waren es die mächtigen Dome oder Münſter, die nicht nur Zeugniß ablegen von der Frömmigkeit der Bürgerſchaft, ſondern auch von der Geſchicklichkeit und dem reinen Kunſtſinne, welcher ſogar das eigentliche Handwerk erfüllte. Allerdings ſind viele dieſer herrlichen Gebäude, namentlich die in gothiſchem Stile errichteten, nicht vollendet, während die romaniſchen Kirchen in äußerſt kurzer Friſt ausgeführt wurden. Der Grund liegt darin, daß die letzteren zu einer Zeit erbaut wurden, als nicht nur die religiöſe Begeiſterung auf ihrer Höhe ſtand, ſondern auch die Handwerker in den Biſchofsſtädten noch hörige Unterthanen waren und die Verpflichtung hatten, ohne Lohn und nur gegen Darreichung der Koſt die ihnen von dem Herrn aufgetragenen Arbeiten zu verrichten. Die gothiſchen Kirchen wurden nicht nur etwas ſpäter angefangen, als dieſe Abhängigkeit der Handwerker größtentheils aufgehört hatte, ſondern auch weit umfangreicher und künſtlicher projektirt; dazu fällt ihre Erbauung in die Zeit der innern und äußeren Kämpfe der Städte, wobei der Eifer der Bürgerſchaft durch die vielen Opfer, welche der Krieg forderte, beträchtlich vermindert wurde. Außer dem Dome, der mit ſeinen vier gewaltigen Thürmen, zwei Kuppeln und zwei Chören den Eindruck einer für die Ewigkeit gegründeten Gottes⸗ burg macht, hatte Worms noch drei Stiftskirchen in der inneren Stadt, nämlich die Martins⸗, Paulus⸗ und Andreaskirche. Neben denſelben ſtanden die Pfarr⸗ oder Taufkirchen von St. Johannes, St. Lambert, St. Rupprecht und St. Magnus, von denen nur die letztgenannte, wenn auch viel⸗ fach verändert, noch jetzt erhalten iſt. Ferner ſtanden in der inneren Stadt die prächtige Domini⸗ kaner⸗ oder Predigerkirche, deren Namen ſich in einem kleinen Platze erhalten hat, die Stephanskirche

auf der Nordoſtſeite des Biſchofshofes, die Valentinskirche im Hofe des jetzigen Gymnaſiums, die

Nazariuskirche auf dem Schulhofe. In der Speierer Vorſtadt ſtand die Meinhartskirche neben dem

Mariamünſter⸗Kloſter und die Michaelskirche an der Weſtſeite der Heyl'ſchen Fabrik. In der

Mainzer Vorſtadt finden wir nahe an der Stadtmauer die neuerdings vortrefflich reſtaurirte Lieb⸗ frauen⸗Stiftskirche, ferner die Amanduskirche, eine Kapelle auf dem Gottesacker, ſowie die Aller⸗ heiligenkapelle rechts vor der Martinsport. Von den Klöſtern, welche gleichfalls ihre eignen Kirchen hatten, erwähnen wir das Franzis⸗ kanerkloſter in der Petersgaſſe, deſſen Gebiet auch das jetzige Schulhaus und den Schulhof bis an 4

Kirchen.

Klöſter.