Straßen und Plätze.
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durch Vorſtädte nöthig machte. Dieſe waren Anfangs nur mit einem Pfahlwerke umgeben, erhielten aber ſpäter eine vollſtändige, wenn auch weniger maſſive Befeſtigung durch Mauern, Thürme und Gräben, an welche ſich ſeit der Einführung der niederländiſchen Befeſtigungskunſt Erdwerke mit ſchwerem Geſchütz beſetzt anſchloſſen. Die Vorſtädte waren wohl ſelten durchaus bebaut; ſie ent⸗ hielten auch Gärten, Landhäuſer und Weinberge der ſtädtiſchen Patricier und ſind in vielen Städten wieder eingegangrn, als die Zahl der Bürger zuſammenſchmolz und die häufigen Angriffe, beſonders zur Zeit des dreißigjährigen Krieges, eine engere Vertheidigungslinie wünſchenswerth machten. Un⸗ gemein ſtattlich muß der Anblick der doppelten Ringmauern und der Thürme geweſen ſein, welche durch ihre Feſtigkeit bis zur Erfindung des Schießpulvers allen gewaltſamen Angriffen zu trotzen vermochten. Die Thuürme hatten meiſt ſpitze Dächer, die mit gemalten Fahnen geſchmückt waren; an ihnen befanden ſich auch wohl Erker, die im Winter geheizt werden konnten. An manchen Thuͤrmen hingen Körbe, um die flüchtigen Bürger auch nach dem Schließen der Thore raſch auf⸗ nehmen zu können. Die Stadtgräben waren wo möglich mit Waſſer gefüllt, deſſen Ausdünſtung nicht gerade günſtig für den Geſundheitszuſtand der Einwohnerſchaft wirkte. Von beſonderer Größe und ſchöner Bauart waren die Thorthürme, auch Porten genannt; zu größerem Schutze gegen plötzliche Ueberfälle waren ſie gewöhnlich mit einem durch kleine Thürme verwahrten Vorwerke ver⸗ ſehen. Die oberen Stockwerke dieſer Thürme, von denen Mainz und Frankfurt wohlerhaltene Bei⸗ ſpiele zeigen, waren bewohnbar und oft mit bedeckten vorſpringenden Gallerien umgeben, um den Feind von oben beſchießen zu können. Die Hamann'ſchen Zeichnungen geben uns eine Vorſtellung von der prächtigen Mainzerport(am Mainzer Schlag gelegen) und der nicht minder ſtattlichen Martinsport(an der Stelle des jetzigen Mainzer Thores). Die übrigen Porten waren: die Juden⸗ port(jetzt Hamburger Thor), die Gänsport(an der Mündung des Eisbaches in den Gießen), die Rheinport(am Ausgang der Rheingaſſe), die Gießenport(an der Gießenbrücke), das Fiſcherpörtlein (oberhalb des Woogs), die Viehport(an der Ecke des Heyl'ſchen Weingartens), die Pfauenport (jetzt Viehthor), die alte und die neue Speierport, die Michelsport(an der Kiesgrube) die innere und äußere Andreasport, die Neuport und das Neupörtlein und die zur Zeit des dreißigjährigen Krieges bereits vermauerte Altmühlport(am Friedhof). Von den inneren Mauerthürmen hat der einen weiten Blick in das Land gewährende Luginsland auch dadurch ein Intereſſe gewonnen, daß hier König Heinrich, der ungehorſame Sohn Friedrich II., gefangen ſaß; das prächtigſte Feſtungs⸗ werk muß aber nach Abbildung und Beſchreibung der unweit der Liebfrauenkirche am Rhein gelegene Neuthurm geweſen ſein, der zugleich den Fluß beherrſchte, und von deſſen Feſtigkeit man ſich einen Begriff machen kann, wenn man erfährt, daß ihn die Franzoſen 1689 erſt durch die 14te Mine ſprengen konnten.
Die engen und winkeligen Straßen der Städte waren ohne Plan angelegt, indem der zwiſchen den älteſten, zerſtreut liegenden Gebäuden, wie den Kirchen, Pfalzen, Biſchofshöfen liegende Zwiſchenraum nach Bedürfniß ausgebaut wurde. Gerade Straßen, wie ſie zuweilen nach Stadt⸗ bränden oder bei einer Erweiterung der Stadt angelegt wurden, erhielten den auszeichnenden Namen Zeil. Straßenpflaſter war nur ausnahmsweiſe vorhanden; in Frankfurt dachte man 1399 zum erſtenmale an die Pflaſterung einer Straße, während Ulm zu dieſer Zeit ſchon einen beſoldeten Pfläſterermeiſter hatte. Auch ſpäter muß das Pflaſter häufig im ſchlechten Stande geweſen ſein, da in Frankfurt bei beſonderen Gelegenheiten Stroh, Reiſer und Sand aufgeſchüttet werden mußten und Holzſchuhe als gewöhliche Tracht erwähnt werden. Ein Hauptgrund des ſchlimmen Zuſtandes der Straßen war die Gewohnheit der Einwohner, das Vieh, beſonders die Schweine, auf den


