Aufsatz 
Die Grundzüge des Städtewesens im Mittelalter : mit besonderer Beziehung auf die Freistadt Worms / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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verſchieden benannt. Reichsſtädte heißen von da an die von einer urſprünglich unfreien, ſpäͤter aber von den Laſten des Hofrechts befreiten Bevölkerung bewohnten königlichen Pfalzſtädte, alſo z. B. Frankfuͤrt a. M., Ulm, Nurnberg, Aachen ꝛc., welche die königlichen Rechte durch Kauf oder Schenkung nach und nach erwarben. Dahin gehören auch die meiſten ſchwäbiſchen Städte, welche wie das ganze Herzogthum Schwaben von Friedrich II. 1235 unmittelbar an das Reich gebracht worden waren und auch nach dem Untergange des ſchwäbiſchen Herrſchergeſchlechtes als keinem Landesherren unterthan ihre Reichsfreiheit behaupteten. Dieſe Klaſſe von Städten hatte übrigens eine nicht unbeträchtliche Steuer an den König zu entrichten, die oft nur mit ſchweren Opfern abgelöſt wurde; auch hatten dieſe Städte nicht wenig durch die Verpfändungen geldbedürftiger Kaiſer, beſonders der Luxemburger, zu leiden, wodurch manche Stadt, wie z. B. Oppenheim, um ihre Feiheit gekommen iſt. Die oft genannten alten biſchöflichen Städte heißen Freiſtädte, welcher Ausdruck um ſo paſſender erſcheint, als ſie ſämmtlich eine Gemeinde altfreier Einwohner gehabt haben. Den Biſchöfen gegenüber behaupteten ſie Reichsſtädte zu ſein, den Königen gegen⸗ über betonten ſie ihre Eigenſchaft als Freiſtädte, da ſie als ſolche die Laſten der Reichsſtädte nicht zu tragen hatten. Erſt ſeit der definitiven Feſtſtellung der Reichsverfaſſung unter Maximilian I. (1495) heißen auch die Freiſtädte Reichsſtädte und benannten ſich zur Erinnerung an ihre fruͤhere Bezeichnung mit dem gewiſſermaßen einen höheren Rang andeutenden Namen freie Reichsſtädte.

Die Städtegeſchichte des Mittelalters leidet bei aller Mannigfaltigkeit im Einzelnen an einer gewiſſen Einförmigkeit in der Hauptſache, was in einem kurzen Abriſſe um ſo mehr hervortreten mußte, als hier das mitunter höchſt intereſſante Detail der Bürgerkämpfe, der Zunftunruhen ꝛc. keine Aufnahme finden konnte. Weit anziehender iſt der kulturhiſtoriſche Theil des Städteweſens; wir können es uns deßhalb nicht verſagen, unſere Leſer zu einem flüchtigen Gange durch eine mittelalterliche Stadt einzuladen und ihnen das Leben und Treiben des deutſchen Bürgerthums aus dem 14.15. Jahrhundert in einem gedrängten Bilde vorzuführen. Wir werden auch hier wieder die Stadt Worms vorzugsweiſe in's Auge faſſen, welche in ihrer Anlage wohl ſeit der aͤlteſten Zeit bis jetzt nur ganz geringe Aenderungen erlitten, wenn auch die Zerſtörung des Jahres 1689 faſt alle Privatgebäude und den größten Theil der öffentlichen Gebäude vernichtet hat. Dieſe Anſicht gründet ſich auf einen, im ſtädtiſchen Archive aufbewahrten, aus der Vogelperſpective auf⸗ genommenen Plan der Stadt, welcher von dem Maler Peter Hamann herrührt und ein bis auf das Geringſte getreues Bild der Stadt gibt, wie dieſelbe etwa zur Zeit des 30 jährigen Krieges geweſen iſt.

Die aͤußere Anſicht einer mittelalterlichen Stadt war weit großartiger als die unſerer modernen Städte. Wenn man ſich dem Weichbilde näherte, ſo erblickte man mächtige Wartthürme, meiſt auf den die Stadt beherrſchenden Höhen gelegen, von welchen fleißig Ausſchau gehalten wurde nach den zahlreichen Feinden, welche die Bürgerſchaft oft mitten im Frieden bedrohten, und von denen aus auch die in Gärten und auf dem Felde arbeitenden Leute zeitig vor Gefahr gewarnt werden konnten. Manche Städte, wie Frankfurt a. M., ſchützten ihre Gemarkung durch ein ſogenanntes Gebuͤck, d. h. einen ſtarken lebendigen Zaun, der wenigſtens den berittenen Friedensbrechern einigen Wider⸗ ſtand leiſtete. Die eigentliche Stadt war gewöhnlich von geringem Umfange und behielt ihre Mauern und Thürme, auch wenn die Zahl der Bewohner eine Vergrößerung des Flächenraumes

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Culturge⸗ ſchichtlicher Theil.

Befeſtigung der Städte.