Aufsatz 
Die Grundzüge des Städtewesens im Mittelalter : mit besonderer Beziehung auf die Freistadt Worms / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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tungen und den prachtvollen Moſaikfußböden, die die Pflugſchaar des Landmanns an Orten zu Tage fördert, wo man die Eriſtenz einer feſten Niederlaſſung nicht einmal vermuthen konnte. Mächtig ragen noch jetzt die halb zerfallenen Pfeiler jener großartigen Waſſerleitungen, die einſt den Städten friſches Quellwaſſer in rauſchenden Bächen zuführten, und mit würdigem Ernſte verkündet uns der Grabſtein die Dienſtjahre des Italikers und des an den Ufern des Rheins beſtatteten Reiters der ſyriſchen Schwadron, oder die rührende Klage des Gatten um die ihm entriſſene Gattin. Noch fortwährend werden neue Funde verzeichnet, ſeien es die koſtbaren Bildſäulen von Bronce oder Marmor, die geſchnittenen Steine und Münzen, die zierlichen Vaſen, oft geſchmückt mit wohlgelungenen Ge⸗ mälden, die geſchmackvoll gearbeiteten Waffen und andere Ausrüſtungsſtücke, von dem Schwerte mit goldner, reichverzierter Scheide bis zu dem plumpen, mit dicken Kupfernägeln beſchlagenen Schuh des Legionsſoldaten. Ein Gang durch die Muſeen von Mainz, Wiesbaden, Darnſtadt ꝛc. dürfte in dieſer Beziehung belehrender ſein, als die ausfuͤhrlichſte Beſchreibung; und ſelbſt derjenige, welcher die zahlreichen Inſchriften nicht zu entziffern vermag, wird nicht ohne Intereſſe die wohlerhaltenen Reſte Tuches, ſowie die Werkzeuge und Abfälle einer antiken Schuſterwerkſtätte betrachten, die neuer⸗ dings in Mainz zu Tage gefördert worden ſind. Wir dürfen alſo annehmen, daß zur Römerzeit die Rhein⸗ und Süd⸗Donauländer ſich einer hohen Cultur erfreuten, und daß dieſe mit blühenden Städten und Dörfern bedeckten, durch Ackerbau, Weinbau, Gewerbthätigkeit und Handel reich ge⸗ wordenen Provinzen eine ſtarke Vormauer der Civiliſation gegen die noch wenig von der Cultur berührten Bewohner des eigentlichen freien oder Großgermaniens bildeten. Daß auch das ſ. g. Zehntland romaniſirt wurde, iſt ſchon oben bemerkt worden; hier lockten beſonders die warmen Quellen von Wiesbaden, Baden⸗Baden ac. zu frühzeitigen Anſtedelungen; doch ſind im Ganzen nur wenige Römerſtädte auf dem rechten Rheinufer mit Beſtimmtheit nachzuweiſen. Als wahrhaft be⸗ wunderungswürdig erſcheint es, wie die Römer die natürlichen Hülfsquellen des Landes aufzufinden und auszubeuten wußten, wie ſie Bergwerke eröffneten, Heilquellen auffanden und nutzbar machten, wie ſie paſſende Thiere und Pflanzen einführten, aber auch die einheimiſchen veredelten und zu Ge⸗ genſtänden der Ausfuhr machten. Deutſche Spargeln und Rüben kamen auf die Tafel des römiſchen Feinſchmeckers, die blonden Haare der Deutſchen wurden zu Perrücken für elegante Herren und Damen der Welthauptſtadt verarbeitet, und Wiesbadener Seife war in Rom ein beliebtes Mittel, die Haare roth zu färben, wie dies die Mode zeitweiſe vorſchrieb.

Der blühende Zuſtand des römiſchen Germaniens reizte die wilden, beuteluſtigen freien Ger⸗ manen zu häufigen Einfällen, die jedoch meiſt blutig abgewieſen wurden, ſo lange der Verfall des römiſchen Reichs durch die treffliche Kriegsverfaſſung desſelben noch aufgehalten wurde. Aber im 3ten und noch mehr im 4ten und 5ten Jahrh. überflutheten die nun zu Volksvereinen verbundenen und dadurch geſtärkten Deutſchen überall die Rhein⸗ und Donauländer und behaupteten ſich auch ſchließlich im Beſitze derſelben. Zwei Völkervereine ſind es, die hier beſonders in Betracht kommen: die Franken am Niederrhein, die Alemannen am Oberrhein und der oberen Donau. Neben ihnen erſcheinen eine Zeit lang die Burgunder, deren Könige ihren Sitz in Worms hatten, wo auch jene großartige Begebenheit ſpielt, um welche ſich die deutſche Heldenſage in dem Nibelungenliede gruppirt. Schon damals hatte die rauhe Hand dieſer Völker ſchwere Verwüſtungen über die eroberten Länder verhaͤngt, und die römiſch⸗deutſchen Städtebewohner waren zum größten Theil aus den zer⸗ ſtörten Mauern entwichen, oder auch wohl hier und da in harte Knechtſchaft gerathen, wenn die Sieger ihr Leben verſchont hatten. Was noch übrig geblieben war, das erlag im 5ten Jahrh. dem

Anprall der Hunnen unter Attila, die ſich wie ein ungeheurer Heuſchreckenſchwarm an der Donau 4

Zerſtörung der

Städte in der Völkerwan⸗ derung.