Aufsatz 
Die Gefangenschaft des Königs Franz I. von Frankreich / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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In einem weiteren Berichte vom 14. Nov. ⁵⁸) räth de Praet dem Kaiſer, die Freundſchaft des gefangenen Königs zu gewinnen, da ſie gegen England ſehr wichtig ſei. Auch erklärt jetzt Luiſe, daß ihr Sohn eher in der Gefangenſchaft ſterben als Burgund herausgeben werde. De Praet räth ſeinerſeits dem Kaiſer wiederholt ⁵³), er ſolle, wenn er Franz aus der Gefangenſchaft entlaſſe, ihn entweder ſo demuthigen, daß derſelbe ihm nicht mehr ſchaden könne, oder ihn ſo großmüthig behan⸗ deln, daß er ehrenhalber nichts ihm Unangenehmes oder Schädliches mehr thun könne. Nur ſolle man den Gefangenen nicht halb befriedigt ziehen laſſen. Denn es würden ſich bei ſeiner Rückkehr in ſein Reich genug Leute finden, welche ihm einredeten, daß er ſich wegen der empfangenen Beſchimpfung rächen müſſe. Wenn der König in der Gefangenſchaft ſterbe, ſo habe man den Vortheil, daß Frank⸗ reich während der Minderjährigkeit ſeiner Kinder ſchwach ſein werde. Der Kaiſer würde dann im Stande ſein, ſeine deutſchen Angelegenheiten gut zu ordnen. Könne man nicht mit dem König zu einem den Kaiſer zufriedenſtellenden Vertrag gelangen, ſo müſſe man ihn in der Gefangenſchaft be⸗ halten und die Folgen derſelben oder ſeines Todes abwarten; man duürfe ihn aber nicht befreien und als mächtigen Feind behalten. Zwar ſei der Adel von Frankreich arm und niedergedrückt, das Heer unbezahlt und ſchlecht gerüſtet, aber wenn der König zurückkomme, ſo werde ſich doch Jeder beeilen, ihm Dienſte zu leiſten. Die Auflagen beliefen ſich in dieſem Jahre auf 5 Millionen Gulden, welche die Regentin größtentheils aufgeſpeichert haben müſſe, da ſie nichts bezahle. Der König von England werde auf Befreiung des Königs drängen, wahrſcheinlich auch der Papſt. Es ſei ein Aufſtand in Italien zu befürchten, beſonders in Folge der Gefangennehmung des Morone. Luiſe ſagte ſelbſt dem Geſandten de Praet, die Angelegenheiten des Kaiſers in Italien ſtänden durchaus nicht glänzend; Pescara liege auf dem Tod, Malland ſei nicht mehr von den kaiſerlichen Truppen eingeſchloſſen, und es würden ſich merkwürdige Dinge in Italien ereignen, wenn ſie den Anträgen von dort williges Ohr leihen wolle.

In Beantwortung dieſer Nachrichten ſchreibt der Kaiſer am 20. Nov.) an de Praet:Die Franzoſen bieten Uns drei Millionen Löſegeld für den König und verlangen Burgund als Heiraths⸗ gut für Unſere Schweſter Eleonore. Dies können Wir nicht zugeſtehen, ebenſowenig wie Wir die Entſcheidung von Schiedsrichtern in dieſer Sache annehmen können. Ohne Burgund kein Friede!

Am 22. November ſchreibt de Praet abermals an den Kaiſer. Man durfe nicht die geringſte Hoffnung auf die Abtretung Burgunds haben. Herr von Guiſe ſei zu den Schweizern gegangen, um ſie zu einem neuen Einfall in das Herzogthum Mailand zu vermögen ¹).

Durch alle dieſe Unterhandlungen, die nun ſchon dreiviertel Jahre dauerten, war man auch nicht im Geringſten weiter gekommen. In den Hauptpunkten war keine Verſtändigung abzuſehen, und es mag deßhalb dahin geſtellt bleiben, ob der König jene berühmten lettres patentes von Madrid aus Verzweiflung über ſeine troſtloſe Lage erließ, oder in der Abſicht, den Kaiſer zu ſchrecken und ihm mit dem Verluſte jedes Vortheils aus ſeinem Kriegsglücke zu drohen.

Dieſe lettres patentes ³*), welche im November erlaſſen wurden, erwähnen zuerſt in kurzer Ueberſicht die Begebenheiten, die ſich ſeit der Schlacht bei Pavia zugetragen hatten, die Lebensgefahr, in der der König geſchwebt, die Reiſen, die er als Gefangener habe machen müſſen, ſeine Krankheit, ſeinen guten Willen, Frieden zu machen, der aber an dem ungroßmüthigen Benehmen des Kaiſers geſcheitert ſei. Er ziehe vor, ſein ganzes Leben lang Gefangener zu ſein, um ſein Reich und ſeine

⁵8) Lanz, Correſpondenz, I, 180; Archiv, II, 142. ³9) Le Glay, Négotiations II, 631. 60) Lanz, Correſpon⸗ denz I, 188.) Bradford, Correspondance p. 190.) Champollion-Figeac, Captivité, p. 416.

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