Aufsatz 
Die Gefangenschaft des Königs Franz I. von Frankreich / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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Als die Verhandlungen zwiſchen dem Kaiſer und Margarethen fruchtlos geblieben waren, wurde der König wieder kleinmüthig. Er meint, der Kaiſer wolle ihn für immer in Gefangenſchaft halten und wirft demſelben Zweideutigkeit vor, weil er nicht halte, was er ihm während ſeiner Krankheit verſprochen. Gott werde ihm die Kraft verleihen, die Gefangenſchaft auch noch fernerhin zu ertragen. Dagegen redet ihm ſeine Schweſter Margaretha ein, er ſolle ſich durch die Hartnäckigkeit des Kaiſers nicht mürbe machen laſſen; der Kaiſer habe ihr auch erlaubt, abzureiſen, aber dies ſei nur Verſtellung von ihm; ſie hofft, der Kaiſer werde nachgeben. Anders ſah Carl die Sache an; denn er ſchreibt in dem erwähnten Briefe vom 31. October aus Toledo an ſeinen Geſandten zu Rom, den Herzog von Seſſa:Die Ankunft der Herzogin von Alençon in Spanien hat nicht nur nicht die Unter⸗ handlungen gefördert, ſondern es ſcheint im Gegentheil, daß ſie nur dazu gedient hat, die Anerbie⸗ tungen des Königs von Frankreich, welche dieſer dem Hugo v. Moncada gemacht hat, zu wider⸗ rufen, ſo daß die Herzogin abgereist iſt, ohne daß irgend eine Entſchließung getroffen worden wäre. Der Kaiſer beſchuldigt weiterhin die Engländer als die Urheber dieſer Intriguen).

Acht Tage nachdem der Kaiſer in Toledo angekommen war, traf der Legat des Papſtes, Car⸗ dinal Salviati, ebendaſelbſt ein und wurde feierlich empfangen; ja der Monarch ging ihm ſelbſt entgegen. Dies geſchah, um den Papſt, der, wie der Kaiſer wußte, ſich in Verhandlungen und Bündniſſe gegen ihn eingelaſſen hatte, beſſer zu ſtimmen. Auch ließ man den Legaten wiſſen, was das Reſultat der Verhandlungen mit dem König von Frankreich und ſeiner Schweſter geweſen ſei.

Wäͤhrend der Anweſenheit der Herzogin von Alengçon zu Madrid unterhandelte zugleich der ver⸗ traute Rath des Kaiſers, de Praet, mit der Regentin von Frankreich, die damals in Lyon Hof hielt. Ein feiner Diplomat und ſcharfer Beobachter war er dem Kaiſer von großem Nutzen, indem er zugleich die Machinationen der Engländer überwachte, deren geheime Geſandte zu gleicher Zeit in Lyon an⸗ weſend waren. Was die Abtretung Burgunds betrifft, ſo glaubt de Praet ⁵⁶), daß die Regentin darein willigen werde; und dies wird beſtätigt durch eine Inſtruction, die ſie den franzöſiſchen Ge⸗ ſandten in Madrid überſandte:Könne man Burgund retten, ſo möge man eine doppelt ſo werth⸗ volle Revenue dem Kaiſer anbieten; ſei dies aber durchaus nicht möglich, ſo möge man es hingeben, da die Befreiung des Königs mehr werth ſei, als Burgund, und man die Schwierigkeiten nicht ermeſſen könne, welche aus einer längeren Gefangenſchaft des Königs bei dem zarten Alter des Dauphin erwachſen könnten. Man müſſe um jeden Preis Frieden haben; das Volk könne die hohen Steuern nicht länger bezahlen; ein Frieden nur könne das Land wieder aufrichten.

Den größten Widerſtand in Betreff Burgunds erwartet de Praet von den Ständen des König⸗ reichs ⁵7).Der Frieden mit England ſei verkündigt und, wenn de Pract recht unterrichtet iſt, ſo ſeien auch ſchon vor drei Wochen 100,000 Thaler an England bezahlt worden. Der Reſt werde ſich wohl in Papier und ſchönen Worten bezahlen. Uebrigens fürchtet er Alles von den Intriguen der Engländer; deßhalb möge ſich der Kaiſer nur vorſehen und ſich des Königs, ehe er ihn aus der Gefangenſchaft entlaſſe, ſo verſichern, daß er ihm ſpäter keinen Schaden thun könne. Das franzöſiſche Volk ſei dem Könige, wie er höre, außerordentlich ergeben, und Jedermann ſage, wenn man die Löſung für den König in baares Geld verwandle, ſo möge die Summe noch ſo groß ſein, ſte werde alsbald bezahlt werden. Alle andern Fürſten hätten eine ganz beſondere Eiferſucht und Furcht, daß der Kaiſer und der König einig würden, und ſuchten dagegen zu wirken.

5⁵) Gachard, Correspondance, p. 222. ⁵³⁵) Bradford, Correspondance, p. 175. 5⁷) Lanz, Correſpon⸗ denz I, 175.