Aufsatz 
Die Gefangenschaft des Königs Franz I. von Frankreich / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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wirklich ſehr nach ſeiner Entlaſſung und nicht ohne Urſache. Er wohnt ſehr ſchlecht und an einem ſehr unwirthlichen Orte und muß dabei ungeheure Summen an ſeine Wächter vergeuden. Es war im Plane, dieſen Prinzen gegen den Prätendenten von Navarra, d'Albret, auszuwechſeln, jedoch ſo, daß dieſer Löſegeld zahlen müſſe. Hieraus wurde jedoch nichts, da d'Albret ſich im December der Gefangenſchaft durch die Flucht entzog, und der Prinz v. Oranien ward ungeachtet aller Vermitt⸗ lungen bis Ende Februar 1526 in Frankreich zurückgehalten, wie aus einem ſpäteren Bericht de Praets hervorgeht*). So konnte auch der Herzog von Ferrara kein Geleit durch Frankreich erhalten. Ferner war ein gewiſſer Capitän Sucre, welcher einen von dem König von Frankreich vor deſſen Abreiſe von Italien perſönlich unterzeichneten Sicherheitsbrief hatte, in Frankreich gefangen geſetzt worden, und der Herzog von Bourbon beklagt ſich hierüber bei dem Kaiſer, und daß er Jenem 3000 Thaler Löſegeld ſchicken müſſe, damit er nur aus den Mühſeligkeiten und dem Elend der Ge⸗ fangenſchaft kommen möge. Der Kaiſer iſt ſehr ärgerlich darüber und ſchreibt an ſeinen Botſchafter in Frankreich: Wahrlich ein ſehr ſonderbares Benehmen! Sagt der Regentin in meinem Namen ohne Rückhalt, daß wir in dieſer Hinſicht ſehr gut unterrichtet ſind, und da Sucre auf keine Weiſe als Kriegsgefangener angeſehen werden kann, wir gar nicht begreifen, warum er ein Löſegeld bezahlen ſoll; deßhalb bitten wir ſie, ihn uns frei und ohne alle Verbindlichkeit ſogleich hierher zu ſchicken, wie dies kraft des Schreibens des Königs zu geſchehen hat; wo nicht, ſo werden wir dar⸗ aus lernen, wie wir ſo viele von ihrer Partei zu behandeln haben, die ſich ohne alles Geleit in unſern Ländern befinden. Auch der Kurier des Kaiſers, der Depeſchen an de Praet nach Lyon brachte, war beim Eintritte in dieſe Stadt ſchlecht behandelt worden. Der Zorn des Kaiſers wurde übrigens noch mehr gereizt, als eine große Anzahl ſpaniſcher Kriegsgefangener von den Franzoſen auf die Galeeren geſchickt wurden. Dieſe wurden ſelbſt noch lange nach Abſchluß des Madrider Friedens vergeblich zurückgefordert.

Wie gerechtfertigt aber das Mißtrauen Karl's gegen Franz war, beweiſen die Anſchläge zur Flucht ⁵²), die von den Leuten des Königs entworfen wurden. Der König ſollte ſich als Neger vermummen, um ſo in der Geſtalt des Negerſclaven entkommen zu können, der Holz in ſein Zimmer trug. Der Secretär des Königs aber, Clemens Champion, entdeckte es dem Kaiſer, und man fand auch wirklich, wie er es anzeigte, von einem Orte zum andern unterlegte Pferde und nahm einen italieniſchen Capitain, der von der Unternehmung war, gefangen. Die Sache wurde Anfangs ſtreng als Geheimniß behandelt, der König jedoch von da an ſchärfer bewacht 5s).

Wir haben oben erwähnt, daß die Herzogin von Alençon ihren Bruder krank antraf. Der Praͤſident de Selve ſchreibt in einem Berichte an das Parlament, daß ſein Zuſtand ſehr gefährlich geweſen ſei; der König habe geraume Zeit beſinnungslos gelegen und alle Zeichen des Todes gehabt. Sein Fieber habe 23 Tage ohne Nachlaſſen gedauert. Er ſei jedoch wieder außer Gefahr. In Frankreich, ſchreibt die Regentin, hatte man den König bereits für todt gehalten, und in dem Hofe des Parlaments waren vier vermummte Reiter erſchienen, welche die Nachricht von dem Tode des Königs ausſprengten**). Die vornehmſten Räthe des Reichs hatten ſchon berathen, wie man den Dauphin auf den Thron ſetzen und ihm bis in den Tod ergeben ſein wolle ꝛc. Dankfeſte wurden uͤberall im franzöſiſchen Reiche für die Geneſung des Königs gefeiert; auch das Parlament zog in Proceſſion mit auf. 1

³1¹) Archiv, II, 143. ³²) Archiv, II, 144. ⁵³) Man vergleiche auch einen Bericht Granvella's, d. d. Toledo, 18. November, bei Le Glay, Négotiations II, 644. 5⁵⁴) Extrait des registres du parlement de Paris bei Champollion- Figeac, Captivité, p. 379.