Aufsatz 
Die Gefangenschaft des Königs Franz I. von Frankreich / von Wilhelm Uhrig
Entstehung
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Zu Anfang des Septembers bekam der König wieder einen Anfall ſeines Fiebers; der Kaiſer drückt ſein Bedauern darüber aus und verſpricht, den Kranken zu beſuchen, ſobald er in die Nach⸗ barſchaft kommen werde, ſpäteſtens den nächſten Dienſtag. Wohl mochte die ſich immer mehr ver⸗ zögernde Ankunft Margarethens den Geiſt des unruhigen Gefangenen niederdrücken, und wir düͤrfen wohl den Berichten gleichzeitiger Schriftſteller glauben, wenn ſie ſagen, daß die Ankunft der Her⸗ zogin in dem Befinden des Königs eine ſo große Veränderung hervorbrachte, und ihm ſo große Freude machte, daß ſie ihm ſeine Stärke und Geſundheit baldigſt wiedergab.

Am 18. September, ſo berichtet Vandernaſſe, des Kaiſers Cabinetsſecretär, der ein äußerſt werthvolles Itinerär hinterlaſſen hat, kam der Kaiſer zu Madrid an, um den König von Frankreich zu beſuchen, welcher nach der Ausſage der Aerzte ſehr krank war*³). Am folgenden Tage traf die Herzogin v. Alencon, des Königs Schweſter, daſelbſt ein, welche der Kaiſer auf der Mitte der Treppe empfing und zu dem Krankenbette des Königs führte, worauf der Kaiſer wieder abreiste, die Herzogin aber bei ihrem Herrn Bruder verblieb. Vom 21. Sept. bis 13. Oct. war der Kaiſer in Toledo, wohin auch die Herzogin v. Alengçon mit mehreren franzöſiſchen Herrn kam. Ein Bericht Granvella's an die Statthalterin der Niederlande, d. d. Toledo 19. Oct. belehrt uns, daß die bei dieſer Gelegenheit gepflogenen Unterhandlungen erfolglos waren.Im Anfange, ſo ſchreibt dieſer, brachte die Herzogin neuerdings die Anträge einer Heirath, eines Löſegeldes und der Zurückgabe des Herzogthums Burgund vor, unter der liſtigen Bedingung, daß über die Rechte auf ſelbes das Pariſer Parlament erkennen und Geiſeln gegeben werden ſollten für den Fall, daß es dem Könige zuerkannt werden ſollte. Der Kaiſer erklärte dagegen, ohne der Heirathspropoſition auch nur zu erwähnen, er wolle kein Löſegeld, ſondern das Herzogthum, das Erbtheil ſeiner Väter, von welchem er ſchon längſt Titel und Wappen führe. Er verwarf die eben berührte Bedingung, und einige Tage darauf ſchlug ihm die Herzogin, als er auf einen Beſuch zu ihr gekommen war, vor, den Streit durch Schiedsrichter entſcheiden zu laſſen. Der Kaiſer, der ſolches früher verweigert hatte, ſoll, wie mir Madame d'Alencon noch denſelben Tag verſicherte, nun darein gewilligt haben. Darauf beharrte ſie und die Geſandten auf dem mehrerwähnten Vorſchlag, über das Herzogthum zu Paris abzuurtheilen und Geiſeln dafür zu geben, worauf der Kaiſer früher nicht eingehen wollte. Sohin reiſeten wirklich die Herzogin und die Geſandten hinweg, mit dem Bedeuten, der König ſei unab⸗ änderlich entſchloſſen, das Herzogthum Burgund nicht anders als auf die vorerwähnte Bedingung aufzugeben, widrigenfalls eher in ewigem Gefängniſſe zu bleiben. Heute hat auch die gedachte Herzogin hierher geſchickt, um ſicher nach Frankreich reiſen zu können; dies wurde ihr auch bewilligt.

In einem Briefe an den Herzog von Seſſa, d. d. Toledo 31. Oct. 1525, ſchreibt der Kaiſer, die Schwierigkeit in Betreff Burgunds habe darin beſtanden, daß die Franzoſen dieſe Angelegenheit durch die Pairs von Frankreich und das Pariſer Parlament, der Kaiſer aber durch Schiedsrichter hätten entſcheiden laſſen wollen*).

Wir erſehen aus dem Vorhergehenden, wie aus vielen andern Dokumenten, daß es an Cour⸗ toiſie bei den Verhandlungen zwiſchen beiden Theilen nicht fehlte; doch war kein Theil geſonnen, etwas Weſentliches aufzugeben, noch auch nur guten Willen zu zeigen. Wie wenig man in Frank⸗ reich darauf ausging, den Kaiſer in gute Stimmung zu verſetzen, beweist die fortwährende Gefangen⸗ haltung des Prinzen von Oranien, deſſen Freilaſſung der König durchaus nicht bewilligen will. De Praet ſchreibt aus Lyon d. d. 14. November 1525 ³⁰³):Der Prinz von Oranien ſehnt ſich

48) Archiv I, 491. ⁴⁶) Gachard, Correspondance, p. 222. ⁵⁰) Champollion-Figeac, Captivité, p. 169; Archiv I, 143.