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kriegliebende Franz, die Seele aller dem Kaiſer feindſeligen Conföderationen, war unſchädlich gemacht, und dem Lieblingswunſche des Kaiſers, der auf nichts Geringeres als auf eine Art von römiſchem Weltreich hinauslief, neue Nahrung gegeben. Es war vorauszuſehen, daß Karl ſein Glück gehörig ausbeuten und ſeinen Feind zu umfangreichen Abtretungen zwingen würde; aber mit richtigem Scharf⸗ blicke hatten einige ſeiner Rathgeber ihm vorgeſtellt, es ſeien nur zwei Wege offen, entweder den König von Frankreich ganz in Gefangenſchaft zu behalten und dadurch unſchädlich zu machen, oder ihn großmüthig zu behandeln und ihn dadurch als Freund und Bundesgenoſſen zu gewinnen. Statt deſſen zwang Karl den König von Frankreich zum Eingehen von Bedingungen, die er ſeinem Lande gegenüber weder halten konnte, noch wollte, entfremdete ſich ſeine Verbündeten, und verlor zuletzt die Vortheile, die ihm nur durch Papier und Verſprechung zugeſichert waren, weil er nicht im Stande war, ſeinen Anſprüchen mit den Waffen in der Hand gehörigen Nachdruck zu geben. Schon am 22. Auguſt läßt Franz ein Dokument aufſetzen*²), worin er erklärt,„da die Unterhandlungen der franzöſiſchen Geſandten mit den Räthen des Kaiſers fruchtlos geblieben ſeien, eine längere Gefangen⸗ ſchaft aber für ſein Reich ſehr ſchädlich ſein dürfte, ſo proteſtire er gegen jede erzwungene Abtretung irgend eines Landes oder eines Rechtes, das der Krone Frankreich zukomme, namentlich was das Herzogthum Burgund betreffe. Wenn er gezwungen werden ſollte, dasſelbe abzutreten, ſo ſei dies ohne Gültigkeit, und er werde mit allen Mitteln das Abgetretene wieder zu erlangen ſuchen. Ebenſo werde er es halten mit allen Schwüren, Urkunden ꝛc., zu denen man ihn gegen ſeine Ehre nöthigen würde. Das Nämliche habe er übrigens ſchon dem Vicekönig von Neapel, Pescara, Leyva, Alarcon und Andern erklärt—“ eine Auskunft, womit Franz ſein wenig ehrenvolles Verfahren beſchönigen will.
Zu allem dieſem kam aber noch, daß die Unterdrückung des franzöſiſchen Königs dem Kaiſer aus eiferſüchtigen Bundesgenoſſen offene Feinde machte. Wohl war es vorauszuſehen— und dies entging auch dem Kaiſer nicht— daß England, welches ſchon längſt im Stillen ſeinen Vergrößerungs⸗ plänen in Italien entgegengewirkt hatte, der eigennützigen Politik ſeines Königs gemäß, ihm den ungeſtörten Beſitz dieſes ſchönen Landes nicht gönnen würde, daß engliſches Geld und engliſche Politik ihm bald wieder neue Feinde in der kaum beruhigten Halbinſel entgegenſtellen und ihm Ver⸗ legenheiten bereiten würde, deren Beſeitigung ſeinem erſchöpften Schatze, wie ſeinem geſchwäͤchten Heere gleich ſchwer fallen mußte.
Schon früher hatten Unterhandlungen zwiſchen dem Könige von Frankreich und Wolſey, dem allmächtigen Miniſter Heinrichs VIII. ſtattgefunden, wie aus verſchiedenen Actenſtücken hervorleuchtet, die man nach der Schlacht bei Pavia unter den Privatpapieren des gefangenen Königs fand und welche beweiſen, wie treulos der Cardinal gegen den Kaiſer und den Herzog von Bourbon gehan⸗ delt, obwohl Letzterer doch dem Könige von England den Eid der Treue geleiſtet hatte, ſo wie er von jenem gefordert worden war. Wie war dies auch anders zu erwarten von einem Manne, der ſich nicht allein von ſeinem Herrn, ſondern auch von deſſen Freunden und Feinden bezahlen ließ. So zahlte Karl jährlich 9000 Thlr. an Wolſey, ſowie geringere Summen an verſchiedene andere engliſche Edelleute. Auch Franz war in dieſem Punkte nicht ſparſam.„Wolſey zeigte mir“, ſo ſchreibt Hannart, Kaiſer Karls Botſchafter in England, aus London d. d. 15. März 1522 ¹⁸), „zwei Schuldverſchreibungen des franzöſiſchen Königs, als Erſatz für das Bisthum Tournay und einige Abteien in der Nähe dieſer Stadt, von 12,000 und 8000 Livres. Mit der Penſion von Ew. Majeſtät hat er alſo 29,500; wenn man hierzu noch die Penſion rechnet, die er in ecclesia Pacensi
4²) Champollion-Figeac, Captivité, p. 300.— 4⁴³) Archiv, I, 647.


