10
Je mehr ſich Schiller mit dem Studium der ſittlichen Kräfte beſchäftigte, durch die die Ereigniſſe der Weltgeſchichte bedingt werden, um ſo mehr ſagte er ſich los von ſeinem Weltbürgertum, lernte er die Vorzüge des engern Vaterlandsbegriffs kennen, um ſo mehr ging er von antik⸗heidniſchen Begriffen zu echt chriſtlichen über. In„Wilhelm Tell“ ſtellt er mit voller Schärfe den Kampf eines Volkes um ſeine Eigenart dar. Hier finden ſich die häufig angeführten Verſe:
„Ans Vaterland, ans teure, ſchließ dich an Das halte feſt mit deinem ganzen Herzen! Hier ſind die ſtarken Wurzeln deiner Kraft; Dort in der fremden Welt ſtehſt du allein, Ein ſchwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt.“
In der„Jungfrau von Orleans“ bringt der Dichter den ihm von Haus aus fremden religiöſen Vorſtellungen ein Verſtändnis entgegen, die unſere ganze Bewunderuug hervorruft. Auch in dieſem Werke hat er die Vaterlandsliebe mit einer Wärme und Innigkeit gefeiert, wie ſie zarter nicht gedacht werden kann.
„Was iſt unſchuldig, heilig, menſchlich, gut, Wenn es der Kampf nicht iſt fürs Vaterland?“
Neben glühender Vaterlandsliebe tritt die echt chriſtliche Tugend des unbedingten Gehorſams gegen den Willen Gottes in die Erſcheinung. Auch die andre chriſtliche Tugend der freiwilligen Sühne und Buße könnte von einem berufenen Lobredner nicht ſchöner geprieſen werden, als es hier geſchieht. Klein, in unſern Augen kaum nennenswert iſt das Vergehen der Jungfrau. Trotzdem nimmt ſie ohne Murren und Widerrede die Verkennung des Vaters, der Geſchwiſter, des ganzen Hofes hin, und nur für einen Augenblick lehnt ſie ſich gegen die ſchwere Bürde auf, die die Himmelskönigin ihr auferlegt hat, um dann gottergeben und ge⸗ duldig den ſchweren Leidensweg zu wandeln. Großartiger wird der Gedanke von Schuld und Sühne in „Maria Stuart“ durchgeführt. Mit derſelben Intuition, mit der Schiller Oertlichkeiten zu zeichnen verſteht, die er nie geſehen hat, greift er hier den neueſten Geſchichtsforſchungen eines Opitz und Oncken über die ver⸗ leumdete Schottenkönigin vor.
Weiß er im„Ringe des Polykrates“ noch von der„Götter Neide“ zu erzählen, ſtellt er in den „Kranichen des Ibykus“ noch nach Aeſchylus die furchtbare Macht der Eumeniden dar, ſo verherrlicht er in den ſpätern Balladen wahre Frömmigkeit, chriſtliche Demut und freiwilligen Gehorſam. Der„fromme Knecht Fridolin“ entgeht den Folgen der ſchwarzen Verleumdung dadurch, daß er auf dem Wege zu dem verhäng⸗ nisvollen Eiſenhammer, dem Drange ſeines Herzens folgend, dem Prieſter bei der Darbringung des Meß⸗ opfers behilflich iſt. Im„Kampf mit dem Drachen“ trägt die Demut über das eigene Herz einen glänzenderen Sieg davon als die ritterliche Tapferkeit über den grauſigen Lindwurm:
„Umarme mich, mein Sohn,
Dir iſt der härtere Kampf gelungen, Nimm dieſes Kreuz! Es iſt der Lohn Der Demut, die ſich ſelbſt bezwungen.“
Im„Grafen von Habsburg“ erſcheint die Erhöhung des ſchlichten Edelmannes zum Könige als die Folge von tiefer Herzensfrömmigkeit und beſcheidener Demut. Die vielgeſchmähten Ordensgelübde werden von dem Proteſtanten gewürdigt in jenen bezeichnenden Diſtichen:
„Herrlich kleidet ſie euch, des Kreuzes furchtbare Rüſtung,
Wenn ihr, Löwen der Schlacht, Akkon und Rhodos beſchützt, Durch die ſyriſche Wüſte den bangen Pilgrim geleitet
Und mit der Cherubim Schwert ſteht vor dem heiligen Grab. Aber ein ſchönerer Schmuck umgiebt euch die Schürze des Wärters, Wenn ihr, Löwen der Schlacht, Söhne des edelſten Stammes, Dient an des Kranken Bett, dem Lechzenden Labung bereitet
Und die niedrige Pflicht chriſtlicher Milde vollbringt.
Religion des Kreuzes, nur du verknüpfeſt in einem
Kranze der Demut und Kraft doppelte Palme zugleich.“


