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„Shaekeſpeares Frauen“ dem Genius des großen Briten nachſpürt, ſo kann man auch Schillers innerſte Natur aus ſeinen Frauengeſtalten erkennen. Von ihnen konnte er wohl dichten:
„Ehret die Frauen, ſie flechten und weben, Himmliſche Roſen ins irdiſche Leben.“
Nur einmal hat der Dichter leidenſchaftliche Töne gefunden in der ‚Freigeiſterei der Leidenſchaft“, aber bald zeigte er in der„Reſignation“, daß er als Sieger aus dem Kampfe mit der leidenſchaftlichen Liebe zu Charlotte von Kalb hervorgegangen iſt.
Tugend und reine Minne ſind die notwendige Vorbedingung einer glücklichen Ehe. Dieſe hat der Dichter in ſeinem unſterblichen„Liede von der Glocke“ mit einer Innigkeit und Feinheit geſchildert, der das Lied hauptſächlich ſeine nie verſiegende Kraft verdankt. Mag man über„die Erſcheinung wie aus Himmels⸗ höhen“, über„den errötenden Jüngling“ und„die züchtige Hausfran, die Mutter der Kinder“ höhnen und ſpotten, das deutſche Volk begrüßt hier die ideale Zeichnung der Bürgerehe, fühlt aus den Worten heraus, daß der Dichter mit dem Herzen ſpricht, ebenſo wie in jenen viel beſpöttelten, vom gewöhnlichen Volke aber mit Vor⸗
.. N..... liebe angeführten Worten:„Raum iſt in der kleinſten Hütte,
Für ein glücklich liebend Paar.“
Wenn gerade der Bürgerſtand Schiller ſtets zugejubelt hat, ſo erklärt ſich das daraus, daß ſein geſundes, von der Ueberkultur noch nicht angefreſſenes Fühlen in ſeinen Dichtungen ſich widerſpiegelt.
Schon in ſeinen Jugenddramen hat er die eheliche Treue verherrlicht. Die Gräfin Lavagna bleibt ihrem Gatten auch da noch treu, wo dieſer allem Anſcheine nach ſeine Pflicht ſchwer verletzt und mit der Gräfin Julia kokettiert. Gertrud und Stauffacher, Hedwig und Tell ſtellen das ideale Verhältnis gleichgeſtimmter Ehe⸗ gatten dar. Schillers Charakter ſpiegelt ſich auch darin wider, daß er nirgendwo den Ehebruch, wie es die Franzoſen und nach ihnen die Modernen ſo gerne tun, zur Schürzung des tragiſchen Knotens benutzt.
Eine gleich hohe Vorſtellung hat der Sänger von des Mannes Würde:
„Ich bin ein Mann, das könnt ihr ſchon An meiner Leier riechen,
Sie brauſt dahin im Siegeston,
Sonſt würde ſie ja kriechen.“
erner: f„Da kommt ein Bube wohlgemut,
Giebt manches zu verſtehen, „Sprich, du hätt'ſt auf Karthagos Schutt Den Marius geſehen.“
„So ſpricht der ſtolze Römersmann, Noch groß in ſeinem Falle;
Er iſt nichts weiter als ein Mann, Und vor ihm zittern alle“
ſingt ſchon der Jüngling in ſeinem Gedichte„Männerwürde“. In reifern Jahren hat er im„Handſchuh“ gezeigt, was er von einem ganzen Manne verlangt:
„Und mit Erſtaunen und mit Grauen Sehen's die Ritter und Edelfrauen,
Und gelaſſen bringt er den Handſchuh zurück. Da ſchallt ihm ſein Lob aus jedem Munde, Aber mit zärtlichem Liebesblick—
Er verheißt ihm ſein nahes Glück— Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handſchuh ins Geſicht: ‚Den Dank, Dame, begehr ich nicht!“
Und verläßt ſie zur ſelben Stunde.“


