8
wie Goethe und Heine in unſterblichen Verſen zu beſingen vermocht. Trotzdem verſteht er es, die reine, keuſche Minne in ihrer ganzen Tiefe darzuſtellen. Schon iſt der Taucher aus des Meeres furchtbaren Schrecken emporgeſtiegen, da winkt ihm als koſtbarer Preis für erneutes Wagen der Beſitz der Königstochter.
„Da ergreift's ihm die Seele mit Himmelsgewalt, Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er ſiehet erröten die ſchöne Geſtalt,
Und ſieht ſie erbleichen und ſinken hin.
Da treibt's ihn, den köſtlichen Preis zu erwerben, Und ſtürzt hinunter auf Leben und Sterben.“
Fürwahr, ergreifender läßt ſich die Allgewalt der Liebe nicht ſchildern. In„Ritter Toggenburg“ beſingt er den beliebten Gegenſtand des Volksliedes, die hoffnungsloſe Liebe:
„Blickt nach dem Fenſter drüben, Blickt ſtundenlang,
Nach dem Fenſter ſeiner Lieben, Bis das Fenſter klang,
Bis die Liebliche ſich zeigte, Bis das teure Bild,
Still ins Tal herunterneigte, Ruhig, engelmild.
In„Hero und Leander“ ſingt er, wie einſt der Dichter des Nibelungenliedes, wie liebe mit leide ze inngeſt lonen kan.
Abgeſehen von Hedwig, Tells treu ſorgender Gattin, die bald ihrem Manne ob ſeines Wagemutes zürnt, bald ihn mit gerechtem Stolze Baumgarten gegenüber verteidigt und lobt, und von Meſſinas Fürſtin Iſabella, die vor den Aelteſten des Volkes ihre Würde zu wahren weiß, in ihrem Schmerze aber ganz nach Frauenart kein Maß und Ziel kennt, hat Schiller keinen echten Frauencharakter geſchaffen. Um ſo mehr muß es bei flüchtigem Nachdenken wunder nehmen, daß gerade die deutſchen Frauen ſtets für Schiller geſchwärmt und ihm 1859 die ſchönſte Huldigung dargebracht haben. Aber mit dem feinen Inſtinkte, der dem Weibe eigen iſt, haben ſie herausgefühlt, daß Schiller ihr größter Lobredner iſt. Was andere Dichter reizt, das Falſche, Dämoniſche, Schreckliche des Weibes als Triebfeder der Handlung zu benutzen, das war Schillers keuſchem Herzen fremd. Eine„Adelheid“ hat er nicht geſchaffen, bei der ſchon der junge Goethe ſeine Meiſterſchaft in der weiblichen Charakteriſtik zeigte. Wo er es verſucht, ſo in„Fiesko“, in der Gräfin„Julia“ oder in„Don Karlos“ in dem Fräulein„Eboli“, da gelingt es ihm nicht. In den ſpätern Werken hat er nicht einmal mehr den Verſuch dazu gemacht. Denn Gräfin„Tersky“ iſt nur die Trägerin einer Idee; ein Mann könnte ebenſo gut ſo handeln. Dagegen ſind die aufopferungsfähige„Louiſe Miller“, die, um ihren Vater zu retten, ſich ſelbſt des Treubruchs bezichtigt, die treue, anſpruchsloſe„Bertha von Bruneck“,„Thekla“, die charaktervolle Tochter Wallenſteins, die ſanfte„Beatrix“, die heldenhafte, keuſche„Jungfrau von Orleans“ reine Idealgeſtalten. Man glaubt jene Frauen vor ſich zu ſehen, wie ſie Tacitus ſchildert und wie ſie die Minneſänger verherrlichen. Dieſe feiern ſchon im Gegenſatze zu den leidenſchaftlichen Troubadours die ſtille Minne, das verſchwiegene Gedenken.
„Recht als engel ſint din wip getan“, und„tinſchin zuht gat vor in allen“ ſingt Walther von der Vogelweide.
Der Dichter des„Nibelungenliedes“ vergleicht Chriemhilde mit dem lichten Monde:
„Sam der léhte mane vor den ſternen ſtat,
der ſchin ſo luterliche ab den Wolken gat,
dem ſtuont ſi nu gliche vor andern frouwen guot,
des wart da wol gehoehet den zieren heleden der muot.
Selbſt die große Sünderin Maria Stuart erſcheint in ihrer Reue, dem ruhigen Hinnehmen der un⸗ gerechten Strafe als freiwillige Sühne längſt beweinter Freveltat als edle Frauengeſtalt. Wie H. Heine in


