Aufsatz 
Vortrag, gehalten bei der Feier des 100jährigen Todestages Friedrich Schillers am 9. Mai 1905. Ein Gedenkblatt für die Schüler
Entstehung
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Hier liegt die ſittliche Entwicklung des Dichters klar vor Augen; auf der einen Seite Karl Moors weltſtürmender Freiheitstrieb, auf der andern dieſe Darſtellung der höchſten ſittlichen Freiheit, wie ſie der große Grieche Sokrates nicht beſſer geben konnte.

So macht ſich der alte Freiheitsdrang der Germanen bei Schiller in faſt allen ſeinen Werken geltend, ein Gefühl, deutſch in ſeiner Unklarheit und Unbeſtimmtheit, deutſch in ſeiner ſittlichen Höhe.

Gegenüber welſcher Liſt und Tücke hat unſer Volk ſtets die Gradheit und Treue als National⸗ tugenden betont. Es iſt nicht Zufall, daß ſie in den beiden Nationalepen, demNibelungenliede und der Kudrun, ſowohl als auch in den beiden erſten Dramen der zweiten Glanzperiode unſerer Litteratur, in Minna von Barnhelm undGötz von Berlichingen die bewegende ſittliche Kraft bilden. Schiller zeigt ſich auch hier als echt deutſch empfindender Dichter. Bald iſt es ſtarkmutige, ſtandhafte Freundſchaft, bald treues Zuſammenhalten der Gatten, bald die Vaſallentreue, die er preiſt, deren Bruch er geißelt. Wie ſchlicht und einfach iſt die Unterredung der beiden Freunde in der Bürgſchaft, wie packend der Augenblick, wo der eine Freund auch noch am Kreuze den Glauben an den andern nicht verliert und der andere nach Ueberwindung unſäglicher Schwierigkeiten ſein Wort einzulöſen heranſtürmt! Max Piccolomini gewinnt durch ſein offenes ritterliches Weſen unſer Herz, aber mehr noch durch ſeinen Tod, der es ihm allein ermöglicht, dem Kaiſer und dem Freunde zugleich die Treue zu halten. Mag unſer kalter Verſtand dem Oktavio recht geben, wenn er hinter dem Rücken Wallenſteins deſſen Pläne durchkreuzt, wir fühlen es trotz⸗ dem heraus, daß der Dichter die Geſtalt nicht mit ſeinem Herzen geſchaffen hat und teilen ſeine Empfindung. InDon Karlos bringt Marquis Poſa, der feurige Volksbeglücker, ſeinem Freunde Karlos das Opfer nicht nur ſeines Lebens, ſondern, was bei ihm mehr ſagen will, ſeiner Pläne. Freundestreue zu preiſen werden ſchon die Alten nicht müde. Achilles und Patroklos, Oreſtes und Pylades ſind ſprichwörtlich ge⸗ wordene Freundespaare. Eigenartig deutſch iſt die Betonung und Vertiefung der Vaſallentreue. Wer bei den Germanen ſeinen Herzog in der Not verließ, beging das fluchwürdigſte Verbrechen. Ergreifend, ja erſchütternd iſt jene Stelle desNibelungenliedes, wo Rüdiger genötigt iſt, zwiſchen Freundestreue und Vaſallenpflicht zu wählen. Dieſe ſtellt er höher, ſühnt aber die Verletzung jener mit ſeinem Leben. Hagen, mehr Teufel als Menſch, gewinnt doch unſere Teilnahme durch das unentwegte Feſthalten an der ſeinem Herrn gelobten Treue. Mit derſelben Wucht, derſelben Schärfe wie der gewaltige Dichter desNibelungen⸗ liedes hebt der kongeniale Schiller in ſeinemWallenſtein dieſe echt germaniſche Tugend hervor. Der große Feldherr muß beſchämt vor dem einfachen Offizier Wrangel ſtehen, als dieſer ſchlicht und treuherzig die Worte ſpricht:

Ich glaub's, ſo weit geht niemand, der nicht muß

und bald darauf bei den bezeichnenden Worten:

Ein leichter Ding wohl möcht' es ſein, aus nichts Ins Feld zu ſtellen ſechzigtauſend Krieger, Als nur ein Sechzigteil davon zum Treubruch zu verleiten.

Erſchütternd greift es ans Herz, wenn Wallenſtein ſich ſelbſt ſein Urteil ſpricht:

Und ich erwart' es, daß der Rache Stahl Auch ſchon für meine Bruſt geſchliffen iſt. Nicht hoffe, wer der Drachen Zähne ſät, Erfreuliches zu ernten.

Mit Genugtuung ſieht der Zuſchauer, wie aus der Drachenſaat der Untreue nach und nach die gepanzerten Geſtalten der Untreue aufſchießen, die den ungetreuen Sämann vernichten.

Ein Mann, ein Wort, lautet ein deutſches Sprichwort.Friedrich aus Habsburgs Stamm hat bewieſen, daß dies keine leere Redensart iſt. Ihm hat der Dichter in den Diſtichen:Deutſche Treue ein ehrendes Denkmal geſetzt.

Aber was er in Banden gelobt, kann er frei nicht erfüllen. Siehe, da ſtellt er aufs neu' willig den Banden ſich dar.

Das ſtille Neigen von Herzen zu Herzen hat der männlichſte der Dichter, wie er genannt worden iſt, nicht