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Geiſteskämpfe ſind zurzeit mit einer Erbitterung ausgefochten worden, für die wir Nachgeborenen kein Ver⸗ ſtändnis haben, die uns ſogar ein ſtilles Lächeln entlocken. Der Deutſche iſt nun einmal ein Schwärmer, und Jahrhunderte lang iſt er ein Träumer geweſen. Im Reiche der Ideale fand er ſich zurecht und kam deshalb bei„der Teilung der Erde“ wie der arme Poet zu kurz.
Dieſer Idealismus erklärt auch die Vorliebe unſeres Volkes für die Tragödie. Iſt doch ſchon das erſte und großartigſte Nationalepos, das„Nibelungenlied“, eine Kette von tragiſchen Konflickten, des„Hilde⸗ brandliedes“ nicht zu gedenken, in dem der Vater den eigenen Sohn erſchlägt.
So begreift man die allgemeine Beliebtheit, deren ſich der Dichter der„Ideale“ erfreut. Es wäre eine lohnende Aufgabe, ihm in das Innere ſeiner Werkſtatt zu folgen und auf Grund ſeines Gedichtes„Die Künſtler“ und ſeiner äſthetiſchen Schriften mit ihm eine Wanderung durch die Gefilde des Wahren, Guten und Schönen anzutreten. Indes der Zweck dieſer Rede legt uns eine ſelbverſtändliche Beſchränkung auf. An der Hand der den Schülern bekannten Werke wollen wir noch kurz auf die ſittlichen Kräfte hin⸗ weiſen, die in den einzelnen Dichtungen die Handlung in Bewegung ſetzen. Auch hierbei ſei der Geſichts⸗ kreis des Schülers der Ausgangspunkt der Darſtellung. Auf Kants Philoſophie und der daraus entſpringen⸗ den Sittenlehre werden wir alſo nicht eingehen, wie verlockend und lohnend auch eine ſolche Betrachtung erſcheint.
Goethe nennt ſeinen Frend einen„Sänger der Freiheit“. Ein ſolcher iſt Schiller in der Tat im weiteſten Sinne des Wortes. Dies iſt leicht verſtändlich, wenn man den Druck bedenkt, dem der Karls⸗ ſchüler in ſeiner freien Bewegung und ſeiner geiſtigen Arbeit unterworfen war. Anfangs erſcheint das Streben nach Freiheit verworren und wenig geklärt. Die ſittliche Verkommenheit der Höfe, die Entartung in den höchſten Kreiſen, die der Jüngling mit eigenen Augen geſchaut hat, weckt ſeine tiefſte Entrüſtung, die ſich in den wuchtigen Dithyramben von Karl Moor in den„Räubern“ ausſpricht. Aber ſelbſt in dieſem revolutionärſten Stücke Schillers verleugnet er ſeine hohe Vorſtellung von Sittlichkeit nicht, denn der Held kommt zur Einſicht ſeines Frevels.„Indem Karl Moor die Strafe freiwillig und ritterlich an ſich ſelbſt vollzieht, giebt er einem Gefühle Ausdruck, das ein hervorragend deutſches genannt werden darf und das die ungeheure Volkstümlichkeit mit erklärt.“ Dieſe verdankt es aber meines Erachtens mehr dem ver⸗ ſchwommenen Bilde von Freiheit. Wie ſehr ſolche unklare Vorſtellungen die Maſſen gefangen nehmen, be⸗ weiſt die Beliebtheit der Räuberromane, die bald nachher wie Pilze aus der Erde ſchoſſen, des Rinaldo Rinaldini, des Schinderhannes und anderer. In„Fiesko“ opfert Verrina ſeinem Streben nach republikaniſcher Freiheit ſeinen inniggeliebten Freund, ohne zu fragen, ob dieſe Staatsform für die Genuenſer angemeſſen iſt; edler erſcheint dieſe Vorſtellung ſchon in den überſchwenglichen Ausführungen des Marquis Poſa da, wo er durch ſeine glühende Schilderung von Bürgerfreiheit und Volksbeglückung ſogar den kalten Philipp II. von Spanien gewinnt. Mit„Kabale und Liebe“ kehrt der Dichter zu dem Thema der„Räuber“ zurück: rückſichtslos geißelt er die Verkommenheit der Fürſten und verteidigt die freie Wahl des Lebensgefährten ohne Rückſicht auf Rang und Stand. Denn ſicherlich iſt Schillers Herz bei den beiden Unglücklichen, die den beſtehenden Vorurteilen zum Opfer fallen. In ſeinem reifſten Werke„Wallenſtein“ ſtreitet der Freiheits⸗ begriff mit dem von angeſtammten, heiligen Rechten. Wallenſtein iſt allein ein ganzer Mann in dieſer wild⸗ bewegten Zeit; er allein verſteht die erregten Maſſen nach ſeinem Willen zu lenken. Daraus leitet er das Recht des Stärkeren ab, der ſich um die„gemeine Gewohnheit“ nicht zu kümmern braucht und frei von allen Ueberlieferungen ſich ſelbſt den Weg bahnt. Verklärt erſcheint das Lieblingsideal des Dichters in der „Jungfrau von Orleans“ und„Wilhelm Tell“, wo Schiller wie kein Dichter vor und nach ihm das gewaltige Ringen zweier Völker um die politiſche Selbſtändigkeit dargeſtellt hat. Beide Werke haben mehr noch als Arndts und Körners glutatmende Vaterlandslieder die Begeiſterung der deutſchen Jugend für ein freies Vaterland geweckt und wacherhalten. Der Freiheitsgedanke durchzieht auch ſeine äſthetiſchen Schriften. „Freiheit von Leidenſchaft“ bildet nach ihm den Begriff des Schönen.
„— flüchtet aus der Sinne Schranken In die Freiheit der Gedanken,
Unh die Furchterſcheinung iſt entflohen, Und der ewige Abgrund wird ſich füllen; Nehmt die Gottheit auf in euren Willen, Und ſie ſteigt von ihrem Weltenthron. Des Geſetzes ſtrenge Feſſel bindet
Nur den Sklavenſinn, der es verſchmäht; Mit des Menſchen Widerſtand verſchwindet Auch des Gottes Majeſtät.“


