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und deren treuer Fürſorge das deutſche Volk die Verlängerung des Lebens ſeines großen Sohnes und ſo mittelbar die herrlichen Werke der letzten Jahre verdankt. Ganz anders mutet uns dieſes echt deutſche Familienleben an als das traurige Verhältnis Goethes zu Chriſtiane Vulpius. Das Glück dauernder, feſter Freundſchaft und eines innigen, harmoniſchen Familienlebens verdankt der große Dichter nicht zum mindeſten ſeiner eigenen tiefgegründeten Sittlichkeit und Herzensgüte.
Gewiß, Schiller war ein Genie, ein Dichter von Gottes Gnaden. Aber die beſten Anlagen ver⸗ kümmern, wenn ſie nicht ausgebildet werden. Wie der Dichter in den„Idealen“ aus eigener Erfahrung heraus die ſchönen Verſe dichtete:
„Du, die du alle Wunden heileſt, Der Freundſchaft leiſe, zarte Hand, Des Lebens Bürden liebend teileſt, Du, die ich frühe ſucht und fand.“
ſo konnte er als zweite Begleiterin mit Recht die„Beſchäftigung“ in jenen treffenden Worten feiern:
„Und du, die gern ſich mit ihr gattet, Wie ſie der Seele Sturm beſchwört, Beſchäftigung, die nie ermattet,
Die langſam ſchafft, doch nie zerſtört.“
Denn er hat wie kein anderer an ſich die Wahrheit von Herders Worten erfahren:
„Arbeit iſt des Blutes Balſam, Arbeit iſt der Tugend Quell.“
Seine Erfolge verdankt er hauptſächlich ſeiner raſtloſen, nie ausſetzenden Arbeit, an der ihn auch das ſchmerzliche Lungenleiden nicht zu hindern vermochte. Mit Bienenfleiß widmete er ſich den hiſtoriſchen Studien, benutzte er die ihm durch die däniſchen Freunde geſchaffene Muße, um ſich mit der ſchweren Ge⸗ dankenarbeit des tiefſinnigen Kant vertraut zu machen. Wie vor einigen Tagen ein Redner behauptete, hat Schiller Pläne und Entwürfe hinterlaſſen, die die Arbeit eines Jahrhunderts in Anſpruch nehmen würden. Sein„ſtürmiſcher Optimismus“, der Grundzug ſeines Weſens, ließ ihn den drohenden Tod vergeſſen, nicht Genüge finden an den großartigen Erfolgen, ſondern unaufhaltſam, als wenn er die kurz bemeſſene Lebens⸗ ſpanne voll ausnutzen wollte, nach kaum vollendetem Meiſterwerke ein anderes Stück in Angriff nehmen, das das vorherige womöglich noch übertreffen ſollte.
Seine Werke ſind der ſchönſte Beweis ſeines abgeklärten Charakters. Stellen Goethes Erzeug⸗ niſſe das Ergebnis des perſönlich Erlebten dar, ſo bilden diejenigen Schillers die Verkörperung ſeines tiefen, auf das Höchſte gerichteten Seelenlebens. Zeigen Goethes Bildniſſe den mit ſcharf beobachtendem Blicke frei in die Welt ſchauenden Mann, ſo tritt in den treffenden Bildern Schillers von Dannecker und Graff mehr der nach innen gekehrte Blick des ruhigen Denkers in die Erſcheinung. Es iſt, als ob er ſuchend in das eigene Herz ſchaue, um dort eine neue, große Welt, die Welt„der reinen Formen“ zu entdecken, in die er aus der rauhen Wirklichkeit flüchten möchte. Wie ſein Freund Humboldt ſagt, war in Schiller die Dichtung an die Kraft des Gedankens gebunden.„Sie ſtrömte allerdings darum nicht weniger frei aus der Anſchauung und dem Gefühle hervor. Sie ſchöpfte vielmehr gerade aus dieſer, die Einbildungskraft ſchon durch den zu überwindenden Kontraſt ſteigernden Verbindung ein Feuer, eine Tiefe und Stärke, wie ſie auf dieſe Weiſe kein anderer älterer noch neuerer Dichter bewieſen hat.“
Wenn Schiller der volkstümlichſte deutſche Dramatiker iſt, wenn heute nach 100 Jahren ſeine Stücke noch über die Bretter gehen und namentlich die Jugend begeiſtern, ſo erklärt ſich dieſe anhaltende Wirkung aus ſeinem Idealismus. Dieſer iſt nämlich dem deutſchen Volke gleichſam angeboren.„Die tiefere und wahrere Richtung im Deutſchen liegt in ſeiner größeren Innerlichkeit, in dem Hange zur Beſchäftigung mit Ideen und auf ſie bezogenen Empfindungen. Dadurch unterſcheidet es ſich von den meiſten neuern Nationen und in näherer Beſtimmung des Begriffs der Innerlichkeit wieder auch von den Griechen.“ Mit andern Worten: Unſer Volk hat ſich in den breiten Schichten weniger für die Wirklichkeit begeiſtert als für bloß Vorſtellungen. Deshalb iſt ihm der antik denkende und empfindende Goethe bis auf unſere Tage fremd gebliebene


