Aufsatz 
Vortrag, gehalten bei der Feier des 100jährigen Todestages Friedrich Schillers am 9. Mai 1905. Ein Gedenkblatt für die Schüler
Entstehung
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oder erfreut ſich am frommenKnechte Fridolin oder durchlebt die Schrecken und Schauer des nahen Gerichtes mit derKindsmörderin. Alle wetteifern denn auch heute, ihrem Lieblinge die verdiente Ehrung und Huldigung darzubringen. Unſer Feſt gilt vor allem dem ganzen Manne, dem edlen Menſchen, dem geſchloſſenen, ſich ſelbſt

getreuen Charakter.

Und die Tugend, ſie iſt kein leerer Schall,

Der Menſch kann ſie üben im Leben,

Und ſollt er auch ſtraucheln überall,

Er kann nach der göttlichen ſtreben.

Im Munde Schillers ſind das nicht leere Worte: Das Streben nach Vervollkommnung des denkenden und ſittlichen Menſchen iſt für ihn charakteriſtiſch. Im Jünglinge machte ſich der Dichterberuf mit Gewalt geltend.Es dehnte mit allmächtigem Streben die enge Bruſt ein kreißend All. Aber der Wille des Herzogs verlangte Preisgabe ſeines Berufs, bannte ihn in die geiſttötende Beſchäftigung eines Arztes von Invaliden. Da zerriß der 22 jährige mit männlichem Entſchluſſe die bindende Feſſel, verließ Elternhaus und Vaterland und ging als Deſerteur Not und Sorgen entgegen, umdes Gottes voll dem Drange ſeines Herzens zu folgen. Zwar hatte der große Erfolg ſeinerRäuber dieſen Entſchluß zur Reife kommen laſſen; der allgemeine Beifall hinderte ihn aber nicht, ſelbſt als Anonymus eine unbefangene, bis zur Un gerechtigkeit ſcharfe Kritik an ſeinem eigenen Werke zu üben. Der Jüngling zeigte hier ſchon den hervorſtechenden Zug rückhaltloſer Selbſterkenntnis, die den Dichter auf dem Wege zur Vollkommenheit ſtets weiterſchreiten und zuletzt den Gipfel der Kunſt erſteigen ließ.

War einerſeits Anmaßung und Ueberhebung ſeinem Weſen fremnd, ſo andererſeits noch mehr er bärmliche Kriecherei, erſchlaffende Entmutigung und kleinliche Niedergeſchlagenheit.Fiesko fand bei dem Mannheimer Publikum, das denRäubern zugejubelt hatte, nur kalte Aufnahme.Er nahm die Nach⸗ richt der Ablehnung wie eine Fügung hin, und ſo wenig wie das erſte Mal, als eine Leſeprobe bei Dalberg ohne Eindruck geblieben war, ging auch jetzt ein herbes Wort über ſeine Lippen. Neue Entwürfe tauchten auf, und bald ſchenkte er der BühneKabale und Liebe undDon Karlos, zwei Stücke, die einen offenkundigen Fortſchritt bedeuten.

Leider war der geniale Dichter häufig auf die Unterſtützung edelgeſinnter Freunde angewieſen. Seine Not aber ließ ihn nie ſeine perſönliche Würde vergeſſen. Dafür zeugt der ſchöne Brief an Körner:

Du haſt Recht, lieber Körner, wenn Du mich wegen der Bedenklicchkeit tadelſt, die ich hatte, Dir meine Verlegenheit zu geſtehen. Ich fühle es mit Beſchämung, daß ich unſere Freundſchaft herabſetze, wenn ich neben ihr noch Deine Gefälligkeit in Anſchlag bringen kann. Mir hat das Schickſal nur die Anlage und den Willen gegeben, edel zu handeln, Dir gab es auch noch die Macht, es zu können.

Noch beſtimmter tritt ein ſchöner Freimut in dem Dankſchreiben an den Herzog Friedrich Chriſtian von Auguſtenburg, den Urgroßvater unſerer Kaiſerin, hervor. Wenn aber auch der Dichter ſich ſeinen Wohl⸗ tätern gegenüber nichts vergab, ſo bewahrte er doch allen eine innige Dankbarkeit während ſeines ganzen Lebens. Seine volle Selbſtändigkeit betonte er ganz beſonders vor jenen Männern, deren hohe Geiſtesgaben er bewunderte. Sein ſehnlichſter Herzenswunſch war eine Verbindung mit dem vielgeprieſenen Goethe. Doch war er zu ſtolz, ſelbſt einen Schritt zu ihm heranzutun; es hätte dem amt⸗ und mittelloſen Manne falſch ausgelegt werden können. Auch ſpäter giebt er ſich dem gereiftern Freunde Goethe gegenüber nicht gefangen, ſondern wahrt ängſtlich ſein eignes, unabhängiges Urteil, wie der herrliche Briefwechſel zwiſchen den beiden Gleichſtrebenden beweiſt.

Idem velle et idem nolle, ea demum firma amicitia est. Dieſe Forderung des großen Redners Cicero findet ſich in den Freundſchaften Schillers aufs herrlichſte erfüllt. Das gleiche Streben nach allſeitiger Ausbildung der Perſönlichkeit verband ihn mit Körner, dem gleichgeſtimmten Wilhelm von Humboldt und zuletzt mit Goethe. Wahre Menſchlichkeit, echte Humanität bildete die Grundlage dieſer Herzensbündniſſe. Bezeichnend für Schillers edlen Charakter, für den Zauber ſeines liebenswürdigen Weſens iſt es, daß alle ſeine Freundſchaften das ganze Leben hindurch beſtanden haben. Wer einmal in ſeinen Bannkreis gezogen war, der wurde auf immer in ihm feſtgehalten. Seelenverwandtſchaft und Uebereinſtimmung der Charaktere knüpfte auch die Verbindung mit Charlotte von Lengefeld, ſeiner von ihm zärtlich geliebten Gattin, die mit Bewunderung zu ihm aufſchaute und mit großer Opferfreudigkeit den kranken heißgeliebten Gatten pflegte