Aufsatz 
Vortrag, gehalten bei der Feier des 100jährigen Todestages Friedrich Schillers am 9. Mai 1905. Ein Gedenkblatt für die Schüler
Entstehung
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Vortrag

gehalten bei der

feier des ioo jährigen Todestages friedrich Schillers

=am 9. Mai 1905.

:

Sin Geckenkblatt für die Schüler.

Vor mehreren Jahrzehnten ging in weiten deutſchen Landen ein fröhliches Jagen los. Die poeti⸗ ſierende Jugend ſtellte die Jäger, das gehetzte Wild war der Idealiſt Friedrich Schiller. Statt des luſtigen Trara erklang der Ruf Naturalismus, Realismus. Aber der Verfolgte fand wie diezitternde Gazelle einen Schutzgeiſt. Alles, was noch neben dem Schwärmen für die exakten Naturwiſſenſchaften etwas Höheres kannte, alles, was noch nicht von der Nitzſcheſchen Philoſophie angekränkelt war, ſchloß ſich eng zu⸗ ſammen, und die Folge war, daß die leuchtenden Sterne Sudermann und Gerhard Hauptmann zu verblaſſen begannen und Schillers Geſtirn im alten Glanze erſtrahlte. Denn überall, wo deutſche Herzen ſchlagen, deutſche Zungen klingen, im engeren Vaterlande ſowohl als jenſeit der Weltmeere gedenkt man mit ſtiller Wehmut, zugleich aber mit geréchtem Stolze jenes Mannes, der vor hundert Jahren auf immer ſein ſeelenvolles Auge ſchloß. Heute ſind alle Parteien einig, daß dieſer Gedenktag feierlich vom ganzen Volke begangen werden müſſe. 1859 war Schillers Name noch das Loſungswort aller Demokraten, wurde er noch einſeitig von ihnen allein in Anſpruch genommen; heute, wo die Wünſche und Hoffnungen, die Verſuche und Strebungen jener Tage ſchöne Wirklichkeit geworden ſind, feiert ein unter dem ſtolzen deutſchen Aar geeintes Volk einmütig den 100 jährigen Todestag ſeines großen Dichters, ſeines tiefen Denkers.

Von ihm gilt, was er von demMädchen aus der Fremde ſagt:

Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur,

In einem andern Sonnenlichte,

In einer glücklichern Natur.

Und teilte jedem eine Gabe,

Dem Früchte, jenem Blumen aus, Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging beſchenkt nach Haus.

Der ſinnende Gelehrte, der zartempfindende Kunſtfreund, der ſchlichte Mann aus dem Volke, alle erhalten von dem reichen Manne aus dem Füllhorn ſeiner Schätze ihre Gaben. Der grübelnde Geiſt folgt gerne ſeinen tiefſinnigen Forſchungen über den Begriff des Schönen, der Geſchichtsſchreiber ſucht ſeinen glänzenden Stil, die dramatiſche Lebendigkeit der Schilderung zu erreichen, das Volk ſtrömt mit Vorliebe zum Theater, wenn dort dieRäuber oderWilhelm Tell ſeinem Empfinden beredten Ausdruck verleihen,