Aufsatz 
Bruchstücke einer alten Kellereirechnung : [für die Schlösser Montabaur, Hartenfels und Molsberg]
Entstehung
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der heute unſere alten Herzen durchflutet, nach⸗ klinge in den jungen Herzen. Die junge Ge⸗ neration ſoll es handgreiflich faſſen können, daß die alte Generation hier am Pennal nicht nur mit Grammatik und Mathematik die Denkkraft entwickelt und geſchärft hat, nicht nur das Gedächtnis heuwagenvoll mit Vokabeln und Geſchichtszahlen beladen hat, ſondern daß uns alten Pennälern hier einſt auch etwas für das Herz mitgegeben worden iſt, das wir im Leben manchmal noch beſſer gebrauchen konnten als Wiſſen, nämlich Liebe zum Nebenmenſchen, Treue und Anhänglich⸗ keit an die, welche in unſeren Spuren wan⸗ deln, die nach uns das Tagewerk aufnehmen ſollen, das wir aus müden Händen nieder⸗ legen, die Arbeit zum Nutzen und Heil des Vaterlandes, zum Wohl der Menſchheit. Wohl⸗ an, alte Pennäler, laßt uns eine Brücke bauen von unſeren Herzen hinüber über den Spalt der Jahre, die uns von ihnen trennen, bis zu den Herzen der jungen Pennäler, eine Brücke, auf welcher dieſe zu uns kommen können, um an unſerer Feſtſtimmung, an un⸗ ſerer Freude teilzunehmen. Ihr Beifall be⸗ weiſt mir, daß im Prinzip der Vorſchlag an⸗ genommen iſt. Alſo, da nun die Herzen ge⸗ öffnet ſind, ſo öffnet auch die Beutel und greift küͤhn hinein ins Portemonnaie, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß es ſich halb tot lacht, wenn es ſo ſtark gekitzelt wird.

Nun iſt noch die Frage zu beantworten, wie wir am beſten und zu aller Zufriedenheit dieſe allſeits gewünſchte Anteilnahme der jungen Pennäler an unſerer Freude verwirk⸗ lichen. Mein Gott, als ob es eine Frage geben könnte, die ein Montabaurer Pennäler nicht zu beantworten wüßte! Wir könnten nach dem Muſter des paradieſiſchen Früh⸗ ſchoppens, der heute morgen auf dem Markt⸗ platz ſo großartig verlief, daß ſämtliche Akten im Sitzungsſaal der Stadtväter einen Cake walk tanzten und zuletzt Kopf ſtanden, als der Frühſchoppen auf der Straße zu tanzen anfing, einen zweiten Frühſchoppen für die jungen Pennäler ſtiften, während deſſen, da⸗ mit er ungeſtört verlaufen kann, der Herr Direktor im Gymnaſium einige Kapitel aus dem Oſtermann überſetzen muß. Doch nein! Ich weiß, daß unſere Gymnaſiaſten ihren Direktor ſo lieben, daß ſie ohne ihn nicht froh ſein wollen. Er, der ſo väterlich hingebend für ſeine Schüler immer und überall beſorgt

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iſt, er muß mittun, und wir alle, ſoweit es uns möglich ſein wird, wollen dabei ſein. Darum ſchlage ich vor, daß morgen nachmit⸗ tag hier auf dem Schloßberg oder auf dem Sportplatz, je nach der Witterung, die jetzigen Pennäler aus den geſammelten Beiträgen be⸗ wirtet werden, damit der Geiſt, der heute in den Herzen der alten Pennäler rumort, wieder umgehe, der Geiſt herzlicher, harmloſer, brüder⸗ licher Freude.

Alle weiteren diesbezügl. Anordnungen wollen wir getroſt den wohlwollenden Er⸗ wägungen des Herrn Direktors anheimgeben.

Ich bin noch beauftragt, an die Anre⸗ gungen zur Gründung eines Vereins ehemal. Pennäler vonWald⸗Athen die Bitte zu knüpfen, daß gleich heute die alten Kameraden ſich mit einem jährlichen Beitrag in die Liſten einzeichnen mögen.

Liebe Konpennäler! Laßt die Feſtfreude, die unſere Herzen heute erfüllt, zu dem Vor⸗ ſatze ſich verdichten, daß auch in kommenden Jahren, wenn die Bärte noch grauer geworden ſind, wenn die Stirnen ſoweit in den Nacken gewachſen ſind, daß man ſich mit dem Hand⸗ tuch kämmen kann, uns die Möglichkeit ge⸗ boten werde, hier an unſerer alten Bildungs⸗ ſtätte uns wiederzuſehen, daß die Herzen in erneutem, jugendlichem Aufwallen hier ſich wiederfinden und gemeinſam unſere Gedanken zurückwandeln zu den Tagen der ſchönen gol⸗ denen Jugendzeit! Nach den vom Herrn Direktor Thamm verfaßten und heute von Herrn Juſtizrat Tilmann vorgeleſenen Satzungen des Vereins ehemaliger Pennäler ſoll ein weiterer Zweck des Vereins die Unter⸗ ſtützung braver, aber unbemittelter Schüler des Gymnaſiums ſein. Ich bin gliücklich, ſchließen zu können mit dem Ausdruck auf⸗ richtiger Genugtuung darüber, daß ihr alle, liebe Konpennäler vergangener Jahre, in opferfreudiger Weiſe das ſchöne Goetheſche Wort erfüllt:Edel ſei der Menſch, hilfreich und gut!

Als der Regen nachgelaſſen hatte, er⸗ gänzte Kaufmann K. Kadeſch die Sonntag abend gebotene bengaliſche Beleuchtung des Schloſſes durch ein prächtiges Feuerwerk, und Buchhändler Kalb opferte die letzten Luft⸗

ballons vor den ſtaunenden Blicken der Schülerſchar. Auf dem Wege zum Kommers⸗

lokal ergötzten ſich alle an der hell erleuchteten Rathausfront; die Kaiſerkrone und der Kaiſer⸗