Aufsatz 
Bruchstücke einer alten Kellereirechnung : [für die Schlösser Montabaur, Hartenfels und Molsberg]
Entstehung
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alt. Ohne zu raſten und ohne zu roſten, ging es an die Vorbereitungen. Wer könnte die Schritte zählen, die der unermüdliche Herr Vorſitzende tun mußte, wer die Zeit berechnen, die der eifrige Schriftführer nebſt ſeinen Freun⸗ den auf die Feſtſtellung der 2500 Adreſſen, auf die kunſtvolle Anfertigung der Akten, Liſten und auf das ganze Schreibwerk ver wandte! Wer möchte die rühmliche Bereit willigkeit vergeſſen, mit der Herr Buchdruckerei⸗ beſitzer Georg Sauerborn ſeine großen und kleinen Maſchinen zu Nutz und Frommen der Feſtgenoſſen, zum Gelingen der Feier in ſtete Bewegung ſetzen ließ! Wer wüßte nicht, daß Herr Buchhändler Kalb mit Rat und Tat allezeit zur Hand war, und daß bei ihm wie auf der Börſe täglich das Steigen oder Fallen der Feſtaktien und des Barometers erörtert und manches Geſchäftliche vom Vorſtande kurzer Hand erledigt wurde!

Dichter ſattelten zum Feſte das Muſen⸗ pferd. Ein Orpheus ſtimmte ſeine Leier zum Feſtmarſch, der heute unſere Herzen höher ſchlagen ließ. Bürger öffneten im voraus den angemeldeten Gäſten ihre gaſtlichen Pfor⸗ ten, das verehrte Stadtoberhaupt ſowie Herr Oberförſter Buſe bewilligten Grün des Waldes in Hülle und Fülle zum Feſtſchmuck und die Herrn Stadtverordneten klingende Münze oben⸗ drein. Ein reichhaltiges Feſtprogramm lockte zur Teilnahme, und die Schola Montaborina hielt es als geiſtige, und wie Herr Dr. Spies geſtern ſagte, kinderreiche Mutter für eine Ehrenpflicht, die ihr einſtmals anvertrauten, ins Leben hinausgeſandten Söhne zu einem beſonderen Feſtaktus in einem ihr gehörenden Raume einzuladen.

Unter dieſen vielſeitigen Vorbereitungen kam der heutige Tag heran, bis 3 Uhr ein ſchöner Tag; denn

Den allerſonnigſten Sonnenſchein

ließ uns der Himmel koſten.

Herrlich geziert iſt jede Straße, jedes Haus Ehrenpforten und Fahnen wehen ein herz liches Willkommen zu. Herzlich hat ſich auch allerorten, beſonders aber ſchon geſtern abend imNaſſauer Hof, der Empfang geſtaltet. Manch biederer Händedruck, manch freundliches Wort iſt geſtern und heute gewechſelt worden. Ein frohes Wiederſehen gab es überall, und Freude, eitel Freude war bis jetzt die Grund ſtimmung aller Beteiligten. Möge dieſe Freude

bis zum Schluſſe des ſchönen Feſtes das Scepter führen! Verehrte Damen und Herrn!

Programmäßig hat ſoeben der Feſtaktus ſeinen Anfang genommen in der heute ein⸗ geweihten Turnhalle. Es iſt mir nun eine angenehme Aufgabe, als Direktor des Kaiſer Wilhelms Gymnaſiums die Feſtverſammlung zu begrüßen, der aufrichtigen Freude über den zahlreichen Beſuch und dem innigen Dank für die Teilnahme an der Feier Ausdruck zu geben.

Ein reicher Damenflor, liebwerte Vertreter geiſtlicher und weltlicher Behörden, das Kura⸗ torium, Mitglieder des Magiſtrats und der Stadtverordneten⸗Verſammlung, ehemalige Lehrer und Schüler ſowie Freunde der Anſtalt haben der Einladung Folge geleiſtet. Manche ſind leider durch triftige Gründe verhindert worden zu erſcheinen.

So vermiſſen wir vor allen den Direktor des Königl. Prov.⸗Schulkollegiums, Herrn Ober⸗ und Geh. Reg.⸗Rat Dr. Pähler, bei der heutigen Feier. Wurzelt ſie doch eigent⸗ lich in der großen Vergangenheit, in den Gründungsjahren der Anſtalt, die er 1868 als Rektor des Progymnaſiums bei einer Frequenz von 25 Schülern übernommen und 1874 als Direktor des Kaiſer Wilhelms Gymnaſiums bei einer Frequenz von 248 Schülern verlaſſen hat. Numeri et facta loquuntur. Wer wie ich Gelegenheit findet, Akten aus jener Zeit zu ſtudieren und Urteile des damaligen Kura⸗ toriums über die überaus verdienſtvolle Wirk⸗ ſamkeit des erſten Direktors zu leſen, der muß zu der Überzeugung kommen, daß Monta⸗ baur das blühende Voll-Gymnaſium mit dem Ehrentitel Kaiſer Wilhelms Gymnaſium in erſter Linie ſeinem Ehrenbürger verdankt, der durch natürliche Anlage zum Anſtaltsleiter geſchaffen, als kaum Dreißigjähriger mit jugend⸗ licher Kraft die Reife der vorgerückteren Jahre verband und mit raſtloſem Fleiß, mit Be⸗ geiſterung für ſeinen Beruf, mit ſeiner Rede gewaltiger Macht und mit aufrichtiger Liebe zu König und Vaterland ſeiner Schule eine Grundlage gab, die ſie bis heute im alten Glanze beſtehen ließ.

Darum ſagte ich eben, wir vermiſſen heute den erſten Direktor in persona. Im Geiſte weilt er ſicher unter uns, und brieflich hat er längſt unſer gedacht und mich beauf⸗ tragt, den ehemaligen Schülern des Kaiſer