Aufsatz 
Bruchstücke einer alten Kellereirechnung : [für die Schlösser Montabaur, Hartenfels und Molsberg]
Entstehung
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rung ſeiner Tätigkeit auf der Haſenhaide, und an einer anderen Stelle führt er aus,daß die Deutſchen ſeit lange ſich nicht mehr achten und nicht mehr den nötigen Mut anderen Völkern gegenüber beſitzen, weil ſie die ge⸗ wohnten Leibesübungen vernachläſſigt haben. Dieſem Übelſtande ſuchte er abzuhelfen. Die Jugend ſollte nicht um ihres eigenen Wohl⸗ ergehens willen turnen, ſondern um für den Kriegsdienſt tüchtiger und mutiger zu werden. Die alte Sitte der Leibesübungen ſollte in der deutſchen Nation wieder zur Geltung kom⸗ men, damit ſie ſich ſelbſtbewußt und mutig zeige wie in früherer Zeit. Jahn beſaß alſo eine gründliche Kenntnis deutſcher Volksart, große Liebe zur Jugend und einen praktiſch genialen Blick für eine geſunde Erziehungs⸗ methode. Somit gebührt ihm, dem Schöpfer der Turnkunſt, das unbeſtreitbare Verdienſt, zur Zeit der größten Not durch Vorbild und Lehre es durchgeſetzt zu haben, daß turneriſche Übungen und Jugendſpiele in dem Erziehungs⸗ plan der Jugend und überhaupt des ganzen Volkes zum Wohle des Vaterlandes berück ſichtigt wurden.

Im April des Jahres 1807 beſuchte Jahn das berühmte Salzmannſche Inſtitut zu Schnepfental und lernte hier den Pädagogen und Turnlehrer Chriſtoph Guts⸗Muts kennen, den er 1808 in ſeinemDeutſchen Volkstum einen erſten Vaterlandsfreund nannte. Guts⸗ Muts war vielleicht Jahns Vorläufer. Ein ſpäterer Turnmeiſter ſagte wenigſtens:Nennt man Jahn den Vater der deutſchen Turnkunſt, ſo ſollte man billigerweiſe Guts⸗Muts, den Groß⸗ und Erzpater derſelben, nicht vergeſſen. Guts⸗Muts war ungemein fruchtbar als Turn⸗ Schriftſteller. Darum ſei mir eine mehr lite⸗ rariſche Würdigung des Mannes geſtattet. 1793 ſchrieb er dieGymnaſtik für die Jugend und bearbeitete 1804 eine zweite Auflage des Werkes. 1814 veröffentlichte er die gehaltvolle AbhandlungUeber vaterländiſche Erziehung und erklärte einem ſeiner Schüler im Anſchluß daran:Hinaus ins Feld konnte ich nicht,

als es zur Tat kam, nur ſchriftlich focht ich

für eine Wendung unſerer Erziehungsweiſe. Der genannten Abhandlung folgte 1817 das Turnbuch für Söhne des Vaterlandes. Ziel bewußt und treu ſeinem Wahlſpruche:Nicht wurzeln, wo wir ſtehen, nein, weiterſchrei⸗ ten! entwickelt er hier ſein Syſtem; markig und wuchtig klingen manche ſeiner Sätze z.

B.:Die Turnübungen, aus dem vaterlän⸗ diſchen Geſichtspunkt betrachtet, ſind eine not⸗ wendige Vorſchule des werdenden Vaterlands⸗ verteidigers.

Gebet der Jugend eine vaterländiſche Erziehung für den Geiſt und eine echt körper⸗ liche, zur Waffentracht vorbereitende, für den Leib.

Dieſen Leitſätzen ſchließt ſich eine Fülle herrlicher Gedanken über die Erziehung zum Mute, über Sinnenſchärfe und Sinnenmunter⸗ keit an. Guts⸗Muts ſtarb, 80 Jahre alt, am 21. Mai 1839. Die dankbare Vaterſtadt Quedlinburg hat ihm ein Standbild errichtet und eine SchuleGuts⸗Muts Realſchule ge⸗ nannt.

Ein anderer Turnſchriftſteller, Adolf Spies, ein eifriger Verehrer Jahns und Guts⸗ Muts,', arbeitete redlich im Geiſte beider weiter, um den Betrieb eines Schulturnunterrichtes anzubahnen, mit Berückſichtigung der ver⸗ ſchiedenen Altersſtufen und Geſchlechter ſowie der allgemein geltenden Erziehungsgrundſätze. Sein vierbändiges WerkDie Lehre der Turn⸗ kunſt war grundlegend. 1842 ſchrieb er nach einer Unterredung mit dem preußiſchen Mi⸗ niſter v. Eichhorn ſeineGedanken über die Ein⸗ ordnung des Turnweſens in das Ganze der Volkserziehung. Ein beſonderer Abſchnitt handelt vomTurnen als Vorſchule für den Wehrmann. Bemerkenswert iſt das Vor⸗ wort zum dritten Bande ſeiner Turnlehre: Die Turnhalle ſei fortan mit Gottes Hilfe der Luſtplatz der deutſchen Jugend und zu⸗ gleich die Wehrpflanzſtätte für das deutſche Volk, wo es ſich reckt und ſtreckt in freieſter Kunſt, wo es ſich ein- und ausſpielt in eigen⸗ tümlichem Leben und Weben, ſich mißt und wägt in ſeinem angeborenen Weſen und ent⸗ kleidet vom geborgten Schein. Drum nicht geträumt und nicht geſäumt! Wach ſollen wir bleiben; ob auch nah oder fern, im Weſt oder Oſt Wetter uns dräuen, unſer Wahlſpruch ſei und bleibe:

Im Fried' dem Feind die Hut,

Im Sturm die deutſche Wut.

Wie packend weiß Adolf Spies zu ſchreiben! Faſt ſollte man meinen, das Recken und Strecken des Turners hätte die deutſche Sprache beeinflußt und bei manchen wie z. B. beim Turnvater Jahn mit der alten Kraft auch alte Kraftworte zu neuem Leben erweckt. Es

mag wohl ſo ſein. Bei Spies erklärt ſich