Aufsatz 
Bruchstücke einer alten Kellereirechnung : [für die Schlösser Montabaur, Hartenfels und Molsberg]
Entstehung
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Edle reift. Das Jahr 1806 wurde, wie der Hiſtoriker Droyſen ſagt,das Segensjahr des Unglücks, und 1807 begann die zwar harte, aber große Zeit für das ſchwergeprüfte Land und ſein erlauchtes Herrſcherhaus. Um Friedrich Wilhelm III., der erkannt hatte, daß vieles anders werden müſſe, daß der neue Staat auf die Volksmündigkeit zu gründen, die verlorene phyſiſche Kraft durch geiſtige zu erſetzen ſei, ſcharten ſich bedeutende Männer aus verſchiedenen Gauen Deutſchlands, Männer mit klaren Köpfen und mutigen Herzen, Hel⸗ den der Feder und des Schwertes, bereit, ihr Leben einzuſetzen für die Durchführung der neuen Ideen. Es galt das Volk zu ſelbſtän⸗ diger Arbeit zu befähigen, das Bewußtſein der politiſchen und ſozialen Pflichten zu wecken, wahre Vaterlandsliebe alt und jung einzu⸗ pflanzen, kurzum allen eine echt nationale Er ziehung angedeihen zu laſſen.

Die Führerrolle übernahm der Freiherr vom und zum Stein, ein Kraftgenie, deſſen Leben und Wirken nirgends kürzer und treffen⸗ der beurteilt worden iſt als mit E. M. Arndts Worten, die auf dem Denkmal in Naſſau ſtehen:

Des Guten Grundſtein,

Des Böſen Eckſtein,

Der Deutſchen Edelſtein. Nicht weit von hier, auf dem Schloſſe ſeiner Ahnen dicht bei Naſſau an der Lahn geboren, wuchs er mitten im bunten Gemenge der deutſchen Kleinſtaaterei zu dem ſtolzen, reichs⸗ freien Herrn heran. Im preußiſchen Dienſte erwarb er ſich ſpäter eine umfangreiche Sach und Menſchenkenntnis, die er als Reformator der ganzen deutſchen Weltanſchauung, als Napoleons größter Gegner verwerten konnte. Es würde zu weit führen, ſeine für Preußen und Deutſchland ſo ſegensreiche Wirkſamkeit zu beſprechen; nur ſeine Stellungnahme zur Jugenderziehung iſt es, die berührt werden ſoll. Nur gelegentlich, bei der Beratung über die allgemeine Wehrpflicht, die nicht von ihm angeregt worden iſt, äußerte er ſich dahin, daß es Pflicht der heranwachſenden Jugend ſei, ſich durch Leibesübungen frühzeitig zu ſtärken.

Der Philoſoph Fichte, bekannt durch ſeine Reden an die deutſche Nation, in denen er dem Volke die Schwäche und Verblendung vorhielt und Buße und Umkehr predigte, ſtellte

dieſelbe Forderung auf; ja, er ging in ſeinem

Feuereifer für die Erneuerung des deutſchen

VI

Volkstums ſo weit, daß er nach ſpartaniſchem Muſter die Jugend dem Elternhauſe entziehen und nach beſſeren Grundſätzen heranbilden wollte.

Dem Erreichbaren kam Gneiſenau etwas näher, der in ſeinem Geſamtplan der Volks⸗ erziehung die Jugenderziehung und die Pflege der Leibesübungen der Schule zuwies und ſchließlich für die Jugend entſprechende mili⸗ täriſche Übungen anriet.

Es lag eben der von ſeinem Kampfge⸗ noſſen Scharnhorſt durchgeführten militäriſchen Reform der Gedanke zu Grunde, daß die preußiſche Armee das preußiſche Volk in Waffen ſei, ein nationales Heer aller waffen⸗ fähigen Leute.

Derſelben Anſicht huldigte Blücher, der gleich nach dem Tilſiter Frieden ſeinen Freund Scharnhorſt bat, für eine Nationalarmee zu ſorgen, niemanden vom Dienſte zu befreien und dahin zu ſtreben, daß man es als Schande empfinde, dienſtuntauglich zu ſein. Scharn⸗ horſt begann auch ſeinen Entwurf zur Bildung einer Reſerve⸗-Armee mit dem Satze:Alle Bewohner des Staates ſind geborene Ver⸗ teidiger desſelben, und Boyen, ſein Mitar⸗ beiter an der Heeresorganiſation, der Erbe ſeines Geiſtes, ſchrieb die Verſe:

Wehrhaft ſei im ganzen Lande

Jeder Mann mit ſeinem Schwert,

Denn es ziemet jedem Stande

Zu verteidigen Thron und Herd.

Aus dieſen ÄAußerungen führender Geiſter kann man erſehen, daß es die Zeitrichtung mit ſich brachte, das Volk und vor allem die Jugend für den Waffendienſt zu erziehen, wehrhaft zu machen.

Den entſcheidenden Schritt aus dem Reiche der Gedanken und Pläne in die Wirklichkeit tat der Turnvater Jahn, ein Mann von ſcharf, ſelbſt hart, echt deutſch ausgeprägter Eigen⸗ art. Tiefbetrübt über die Demütigung ſeines Vaterlandes faßte er den Entſchluß, den deut⸗ ſchen Volksgeiſt durch Entwicklung der phy⸗ ſiſchen und moraliſchen Volkskraft wieder zu beleben. Er führte die freien Turngemeinden im Sinne des Steinſchen Reformwerkes ein. In ſchöner Frühlingszeit des Jahres 1810 gingen an den ſchulfreien Nachmittagen der Mittwoche und Sonnabende einige Schüler mit mir in Feld und Wald und dann immer mehr und mehr. So beginnt er in dem BucheDie deutſche Turnkunſt die Schilde⸗