Aufsatz 
Bruchstücke einer alten Kellereirechnung : [für die Schlösser Montabaur, Hartenfels und Molsberg]
Entstehung
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mehrere Söhne hieſiger Bürger mußten anders⸗ wo Unterkunft ſuchen. Die damalige Stim⸗ mung der ſchwer geſchädigten Einheimiſchen kennzeichnete einer derſelben, der dem Rektor des Progymnaſiums, dem eigentlichen Be⸗ gründer des Kaiſer Wilhelms Gymnaſiums, dem um die glänzende Entwicklung der neuen Anſtalt hochverdienten jetzigen Direktor des Königl. Provinzial⸗Schulkollegiums, Herrn Ober⸗ und Geheimen Regierungsrat Dr. Pähler im Jahre 1869 folgendes ſchrieb: Ich habe die durch ſpießbürgerliche Knickerei herbeigeführte Kataſtrophe des ehemals blühen⸗ den Gymnaſiums erlebt und gehörte zu den Schülern, die auswandern mußten, um unter ſchweren Koſten an einer auswärtigen Anſtalt die Gymnaſialſtudien zu abſolvieren. Die Reue der Stadt kam zu ſpät, ſie hatte ihren ſchönſten Schmuck verloren.

Spätere Generationen waren bemüht, die Ehre der Stadt zu retten, und die jetzigen Mitglieder des Kuratoriums und der ſtädtiſchen Behörden finden kaum ihres Gleichen in der hochherzigen Löſung aller Fragen, die ſich auf das Wohl des Kaiſer Wilhelms Gymnaſiums beziehen. Darum nochmals Dank und Heil, dreimal Heil den wackeren Männern, welche die Bedeutung des Kaiſer Wilhelms Gymna⸗ ſiums für Montabaur zu würdigen verſtehen und nach weiſer Beurteilung der Verhältniſſe bereit ſind, große Opfer für die höhere Schule zu bringen.

Das Kaiſer Wilhelms Gymngſium darf heute mit der Einweihung und Übernahme der Turnhalle das Sedanfeſt verbinden. Und wenn ich obendrein betonen wollte, daß unter den hier verſammelten Feſtgäſten viele frühere Schüler der Anſtalt weilen, die heute in der Stadt und in der Halle ein Studien-Erinne⸗ rungsfeſt begehen werden, dann ließe ſich ein harmoniſcher feſtlicher Dreiklang erzielen, der jung und alt unvergeßlich ſein würde. Da aber heute nachmittag zu Ehren der ehemaligen Schüler des Kaiſer Wilhelms Gymnaſiums ein beſonderer Aktus ſtattfindet, ſo möchte ich jetzt nur das Doppelfeſt berückſichtigen und ein Thema behandeln, das dieſem ſo weit wie möglich Rechnung trägt.

Die Einweihung einer Turnhalle beſteht in der Regel darin, daß das Gebäude mehr oder minder feierlich ſeinem Zwecke übergeben wird. Es ſoll fortan dazu dienen, bei der Jugend Körperkräfte, Herz und Hand, Geiſtesgegen⸗

wart und völlige Unterordnung zu entwickeln und zu üben, eine harmoniſche Erziehung von Geiſt und Körper zu pflegen, das in den Knaben und Jünglingen ſchlummernde Wehr⸗ kraftsgefühl zu wecken, kurzum die Jugend wehrfähig und wehrhaft zu machen.

Eine ähnliche Kraftquelle muß für die Jugend die richtige Sedanfeier ſein. Nicht handele es ſich um eine prahleriſche Verherr⸗ lichung der Siege und Ruhmestaten; der End⸗ zweck ſei, in den Herzen der Jugend Liebe zum Kaiſer und zu dem durch den Sieg bei Sedan geeinten Reiche immer wieder zu ent⸗ fachen und das Gefühl der Dankbarkeit wach⸗ zuhalten für die durch die Wehrkraft der Väter erkämpften Güter, die eine zur Wehr⸗ kraft erzogene Jugend ſchirmen wird. Es bereitet alſo die richtige Sedanfeier unſerer deutſchen Jugend ein Stahlbad, aus dem ſie gekräftigt herausſteigt, um mit Luſt und Liebe eine zweifache Pflicht zu erfüllen, nämlich den Geiſt durch Wiſſen zu bereichern und den Körper durch Leibesübungen für die ſpätere Wehrkraft zu ſtählen.

Das erſte Ziel, das unterrichtliche, iſt ſtets von den Jugendbildnern in den Vordergrund gerückt worden; das zweite wird erſt in neu eſter Zeit ſyſtematiſch erſtrebt. Früher waren es nur vereinzelte führende Geiſter, die als wahre Patrioten und Freunde der Jugend energiſch darauf hinwieſen und allmählich bahnbrechend wirkten. Ihre Büſten zieren nicht die Wände unſerer Halle, ihre Namen prangen nicht hier in goldnen Lettern; darum möge es mir vergönnt ſein, zu Nutz und Frommen der turnenden Jugend bei der Einweihung der Turnhalle an einem nationalen Feſttage ſie zu nennen und mit wenigen Strichen ihre Beſtrebungen und Erfolge anzudeuten, ſoweit

ſie ſich auf die Erziehung der Jugend zur

Wehrkraft erſtreckten.

Verſetzen wir uns im Geiſte 100 Jahre zurück! Durch die furchtbare Niederlage des ganzen Heeres bei Jena und Auerſtädt, durch die unrühmliche Kapitulation großer Abtei⸗ lungen und die noch ſchmählichere Übergabe wichtiger Feſtungen war Preußen an den Rand des Verderbens gedrängt; nach dem Tilſiter Frieden ſchien das Werk Friedrichs des Großen vernichtet zu ſein. Entwaffnet, geknechtet, verſtümmelt lag die preußiſche Mo⸗ narchie zu den Füßen des korſiſchen Eroberers. Dochdas Unglück iſt der Boden, auf dem das