— 11— B. Die Trivial⸗ oder Volksſchulen in der Stadt und im Amte Montabaur.
Zur Zeit des Kurfürſten Clemens Wenceslaus zählte man in Stadt und Amt Montabaur 17 Pfarrſchulen und 30 Filialſchulen. Die Schulverhältniſſe lagen ziemlich im argen. Die Leiſtungen der Kinder waren zwar nicht die ſchlechteſten. Denn nach dem Zeugnis der erzbiſchöflichen Viſitations⸗ kommiſſion„wurden die Kinder im Leſen ¹) und Schreiben ſowohl als in Beantwortung der katechetiſchen Fragen hinlänglich über alle Erwartung inſtruirt befunden“. Nur Schuldirektor Mathie tadelte im Reviſionsbericht vom 24. April 1786 das Leſen der Mädchen in Montabaur alſo:„Der Ton im Leſen ſowohl mit mehreren als einzeln war ſo ſeltſam ſingend, mit abwechſelnden Cadenzen, daß man's ohne Lachen und Misfallen zugleich nicht anhören konnte“. In der Stadt fand im Sommer und Winter Vor⸗ und Nachmittags⸗Unterricht ſtatt. Anders war es auf dem Lande. Im Sommer ruhte des Schulmeiſters Bakel. Aber nicht nur dadurch litt die Schulzucht, ſondern auch durch die unver⸗ ſtändige Einmiſchung der Eltern. Amtsverwalter Linz geißelt wiederholt das Eingreifen derſelben. So berichtet er:„Die mehrſten Bauern und zwar vorzüglich die ſchlechteſt bemittelten und ſchlechteſt geſitteten haben ſolche blinde Liebe für ihre Kinder, daß der Schulmeiſter ſo zu ſagen, keinem eine Ohrfeige geben darf, ohne ſich den bitterſten Vorwürfen der Eltern auszuſetzen. Bringet er den Winter auch einige Zucht den Kindern bei, ſo verlieren ſie ſolche wieder den Sommer hindurch, wo ſie ſich ſelbſt überlaſſen Hecken und Sträuche durchwandern, wo eben das Obſt ſtehlen, Ähren plicken angehet und wo der Grund zu allen künftigen Hauptlaſtern geleget wird“. Die Lehrer ſtanden meiſt nicht auf der Höhe fachmänniſcher Bildung. Vielen fehlte überhaupt eine richtige Vorbereitung für den Schuldienſt. Die Reviſoren klagten über ihre mangelhaften Kenntniſſe im Rechnen und in der Rechtſchreibung. Schriftproben beweiſen, daß es mit Fug und Recht geſchah. Z. B.„Wer Schull Lehrer werden will, muß vielle erkendnuß haben“, ſchrieb ein alter Pütſchbacher Schulmann als Probe⸗ ſchrift. In den Filialſchulen leiſteten die Lehrer am wenigſten. Sie wurden bisweilen von Jahr zu Jahr gedungen. Nicht ſelten waren es Buben, die gerade die Schulzeit hinter ſich hatten. Die Bezahlung war bei allen kärglich. In Montabaur erhielt z. B. der Bubenſchullehrer 4 Alb. für jedes Kind monatlich, und wenn das Kind am Silentium teilnahm, jährlich 1 Taler 18 Alb. dazu. Die Küſtergebühren gehörten in Montabaur dem Glöckner, nur bei beſſeren Begräbniſſen und„ſingenden Meſſen“ fiel für den Bubenſchullehrer etwas ab. Dazu kamen Fundationsfrüchte und Holz ſowie Silentiumsgeld von den Schülern des Tirociniums, das dem Bubenſchulmeiſter auch dann noch ver⸗ blieb, als das Tirocinium einem beſonderen Magiſter unterſtellt war. Die zur Stadt gehörigen Ortſchaften lieferten keine Früchte. Man kann die Einkünfte dieſes Stadtlehrers auf etwa 113 Taler ſchätzen. Die beiden Mädchenlehrerinnen bezogen 4 Alb. von jedem Kinde monatlich und 8 Alb. monatlich, wenn das Kind im Silentium Handarbeiten lernte. Das Geſamteinkommen beider belief ſich auf etwa 245 Taler.
In den Dorfſchulen ſchwankte das Winterſchulgeld zwiſchen 18, 22 und 24 Alb. Die Bauern waren außerdem verpflichtet, dem Pfarrſchulmeiſter Getreide zu liefern; einige taten es nicht, andere gaben Korn⸗ oder Hafergarben, wieder andere ½ Sömmer Korn oder Hafer, wenige 1 ganzen Sömmer, bald im Diezer bald in dem um ⅞ größeren Montabaurer Maß. Dieſe Ungleichheit kam daher, daß in einzelnen Gemeinden die Zahl der Steuerpflichtigen zugenommen hatte. Der einzelne zahlte dann weniger, da dem Lehrer dasſelbe Quantum wie früher zugewieſen wurde. Zuweilen
¹) Als Leſebücher benutzte man vielfach das Wieneriſche ABC oder Namenbüchlein, Preis 4 Alb. und das ABC und Buchſtabenbüchlein, 2 Alb. Von 1782 an gebrauchte man das billigere, nach Wiener Muſter ver⸗ faßte„Kölniſche ABC⸗Buch“, Preis 2 Stüber.


