Aufsatz 
Der Versuch einer Schulreform im Amte Montabaur unter Clemens Wenceslaus, dem letzten Kurfürsten von Trier, nach ungedruckten Quellen dargestellt
Entstehung
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verwalter gerichtetes Geſuch um Unterſtützung der Schule blieb erfolglos. Mathie riet die Klaſſen Poetica und Rhetorica aufzuheben, 2 Lehrer mit 190 Talern und dem Silentiumsgeld anzuſtellen, jedoch den geplanten Ankauf eines Schulhauſes zu unterlaſſen.

Eine aus dem Jahre 1793 für Kurtrier beſtimmteEinteilung der lateiniſchen Unter⸗ und Mittelklaſſen ſowohl nach ihren Materien als der hierzu erforderlichen Zeit brachte wenig Neues. Die Anforderungen im Rechnen ſcheinen jedoch erhöht worden zu ſein; denn während die untere Klaſſe die 4 Spezies durchnehmen ſollte, wurde in der 2. Klaſſe das Rechnen mit gemeinen und De⸗ zimalbrüchen, in der 3. Klaſſe Algebra, in der 4. Klaſſe Quadratwurzeln, quadratiſche Gleichungen und, wenn die Zeit ausreichte, arithmetiſche und geometriſche Proportionen vorgeſchrieben. Trotzdem ging die Lateinſchule ohne Zweifel von Jahr zu Jahr zurück, bis unter der Naſſauiſchen Regierung neues Leben ans den Ruinen erblühte. Aufdie demütigſte und flehentlichſte Bitte des Magiſtrats, das Verſiegen aller Nahrungsquellen für die Stadt durch hierher Verlegung der höheren und niederen Landesſchulen zu verhindern, wurde nach langen Verhandlungen Montabaur, das der naſſauiſche Miniſter Freiherr v. Gagern einen wohlfeilen, geſunden, ſtillen, ſittlichen Ort nannte, zum Sitz eines Gymnaſiums beſtimmt. 1) Die Eröffnung der Schule fand am 30. Mai 1806 ſtatt, und im September 1806 veröffentlichte die Herzoglich⸗Naſſauiſche Schulkommiſſion zu Chrenbreitſtein folgende Anzeige in der Beilage der Frankfurter Ober⸗Poſt⸗Amtszeitung, im Koblenzer Anzeiger und in denAnnalen unſerer Zeit:

Schul⸗ und Erziehungs⸗Anſtalt zu Montabaur.

Zu Montabaur, im Herzogthum Naſſau, beſteht ein ſeit 4 Monaten neu errichtetes katholiſches Gymnaſium, welchem mit Anſtellung eines Direktors und ſechs vorhin im Lehr⸗ und Erziehungs⸗ fache geübter Profeſſoren, meiſt weltprieſterlichen Standes, eine ſolche Verfaſſung gegeben worden iſt, die ſowohl dem wahren Zwecke einer jeden guten Erziehungs⸗Anſtalt als auch den Umſtänden und Erforderniſſen des gegenwärtigen Zeitalters entſpricht.

Die Gegenſtände des ſtufenweiſe ſechs Klaſſen hindurch gehenden unentgeltlichen Unterrichtes ſind: 1. Religionslehre und moraliſche Bildung. 2. Deutſche, lateiniſche und griechiſche Sprache. 3. Schön und Richtig ſchreiben. 4. Aeſthetick, vorzüglich Dichtkunſt und Beredſamkeit. 5. Geographie. 6. Geſchichte. 7. Mathematik. 8. Naturgeſchichte und Naturlehre. 9. Philoſophie.

Die Verteilung der Lehrgegenſtände und der Schulſtunden iſt ſo eingerichtet, daß nebſt dem täglichen Kirchenbeſuche es auch an der Zeit für Kunſt⸗ und Leibesübungen nicht gebricht. Aus⸗ wärtigen Aeltern und Vormündern verdient anbey noch bekannt gemacht zu werden, daß die auf dem rechten Rheinufer, zwey Meilen von Koblenz gelegene Stadt Mon⸗ tabaur ihrer hohen, geſunden nnd ſchönen Lage nach und eben ſo ſehr ihrer inneren Verfaſſung wegen zu einem ſtill eingezogenen und dem Studiren ge⸗ widmeten Leben von der Natur geeigenſchaftet iſt,²) und daß diejenigen, welche dieſer Schulanſtalt ihre Söhne anvertrauen, dieſelben in gute Häuſer unterbringen und den jährlichen Unter⸗ halt um die billigſten Preiſe erhalten können.

Das Schuljahr fängt mit Allerheiligen an und endiget ſich auf Michaelis.

Ehrenbreitſtein, den 17. September 1806.

Herzoglich Naſſauiſche Schulkommiſſion dahier.

¹) R. Pähler. Zur Geſchichte des alten Gymnaſiums. Progr. des Progymnaſiums zu Montabaur. Oſtern 1870. S. 17.

²) Bekanntlich hat man auch in letzter Zeit wiederholt auf die oben genannten Vorzüge kleinſtädtiſcher Lehrr anſtalten hingewieſen. Vgl. z. B. den Aufſatz über Kleinſtadt⸗Gymnaſien von Dr. P. Lorentz(Monatsſchrift für höders Söule IV 1. 1895.), die Rede des Abgeordneten Metger(Verhandlungen des preuß. Abgeordnetenhauſes etr. cap. 120) u. a.