Durch anregenden schriftlichen Verkehr habe ich Sie längst kennen und schätzen gelernt. Sie haben recht gelesen, wenn Sie fanden, dass ich nicht nur der Sache, sondern auch Ihnen selbst meine warme, lebhafte Teilnahme zuwendete. Und als Sie dann hierher kamen und wir uns Hand in Hand gegenüberstanden und auch das Herz zum Herzen sprach, da erkannte ich erst recht, dass die Geschicke der Schule treuen Händen anver- traut waren, da wusste ich, dass in diesen Räumen auch fernerhin ein guter Geist herrschen werde, der Geist der Zucht und Ordnung, der Geist gewissenhafter Arbeit und was das Höchste und Schönste ist, der Geist der Einigkeit und Liebe! Und wie ich, so dachten und denken alle meine Kollegen. Wir alle kommen Ihnen heute mit vollem herzlichem Vertrauen entgegen, wir alle stellen uns willig und freudig unter Ihre Leitung und Führung und geloben in dieser Weihestunde, dass wir Ihnen treue Mitarbeiter und Mithelfer sein wollen an der gemeinsamen Aufgabe: die uns anvertraute Jugend gewissen- haft zu lehren, in allem Guten zu anterweisen und zu tüchtigen, brauchbaren Menschen, zu erziehen, zu Menschen, denen Pflichterfüllung Herzensbedürfnis geworden. An dieses Gelöbnis schliessen wir die Bitte, dass Sie uns und der Schule ein freundlicher Vorgesetzter, ein wohlwollender Leiter und väterlicher Berater sein mögen. Wir wissen ja, dass Sie die Erfüllung dieser Bitte zu Ihrer Hauptaufgabe machen wollen, und so haben wir denn die frohe Zuversicht, dass es Ihnen gelingen werde, hier unter uns das höchste Ziel eines Lehrers und Leiters zu erreichen: die Achtung und Liebe aller Glieder der Anstalt, Lernfreudigkeit bei den Schülern und Lehrfreudigkeit bei den Lehrern. Lassen Sie mich, hochverehrter Herr Direktor, den Wunsch anschliessen, dass Sie hier unter uns glücklich werden môgen, Sie und Ihr ganzes Haus, dass Sie in Ihrem Berufe, in der Arbeit unter uns und mit uns eine rechte Befriedigung finden, die dié Grundlage des wahren Glückes ist, dass die Friedrich-Wilhelms-Schule unter Ihrer Führung auf lange Zeit in ruhiger, stetiger Entwicklung wachsen und gedeihen und eine Pflanzstätte sein und bleiben mõge wahrer Herzensbildung, wissenschaftlichen Strebens, echter Frömmigkeit und Gottesfurcht, treuer Pflichterfüllung, unwandelbarer Liebe und Hingebung zu Kaiser und Reich zum Segen für das jetzige und künftige Geschlecht, für Schüler und Lehrer der Anstalt, zum Heile der Stadt und der engeren Heimat und des grossen Vaterlandes!
Dass dieser Wunsch, der gewiss unser aller Herzenswunsch ist, in Erfüllung gehe, das wolle Gott der Herr in Gnaden verleihen!“
Nach diesen Ansprachen sang der Schülerchor Psalm 57, 11 von A. E. Grell:
„Herr, deine Güte reichet, soweit der Himmel ist, Und deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen. Hallelujah!«
Nunmehr betrat der Direktor die Rednerbühne und nahm das Wort zu seiner
Antrittsrede, in welcher er folgendes ausführte. „Hochgeehrte Anwesende! Liebe Schüler!
Für die Leitung dieser Anstalt gewählt und von Sr. Majestät unserm allergnädigsten König bestätigt, trete ich heute, nach meiner feierlichen Einführung durch den Vertreter des Königl. Schulkollegiums der Provinz, als Direktor der Friedrich-Wilhelms-Schule vor Sie, um in aller Form mein Amt zu übernehmen.
Meine erste Pflicht ist, den hohen Behörden, welche mir dieses Amt übertragen haben, von dieser Stelle aus, auf welche sie mich gestellt haben, meinen ehrerbietigen


