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Revolutionszeit, das für hiesige Gegend noch verhältnismäßig harmlose Vorspiel zu ihnen: Custines Campagne gegen Mainz.
Mit Absicht habe ich überall die Akten selbst zu Wort kommen lassen, um dem Leser die eigne Anschauung zu ermöglichen. Da sie alle nur dem hiesigen Archiv entnommen sind, wo sie noch ohne nähere Bezeichnung liegen, habe ich vom Zitieren im einzelnen abgesehen.
Oppenheim während des Cüstineschen Feldzuges gegen Mainz 1792/93.
Die Segnungen, welche die Welt den furchtbaren Frühlingsstürmen der großen Revolution zu danken hat, sind in der Zeit ihres Entstehens mit schweren Opfern bezahlt worden. Es ist natürlich, daß die an der französischen Grenze gelegenen Gebiete am meisten von den erschütternden Vorgängen im Nachbarreich in Mit- leidenschaft gezogen wurden. Zu diesen Grenzländern gehörte die Kurpfalz, le paradis terrestre de l'Allemagne, wie Mirabeau sie nennt, und zu den„Oberämtern“, die sie auf der linken Seite des Rheines besaß, das Oberamt Oppenheim. Der Kurfürst Karl Theodor war am 2. Januar 1778 in dem neuererbten Bayern, in München, das fortab seine Residenz blieb, eingezogen. Die Regentschaft in seiner Abwesenheit führte von Mannheim aus der Reichsgraf Freiherr von Oberndorff. Das Regiment jener Zeit war in mannigfacher Hinsicht unglücklich. Politisch waren Volk und Beamten auf das ängst- lichste gebunden. In religiösen Dingen nahm die Intoleranz zu. Eine durchaus unpraktische Wirtschaftspolitik entsprach dieser verhängnisvollen Kurzsichtigkeit in den Regierungs- prinzipien. Die Beamtenstellen waren käuflich, und je mehr für sie bezahlt worden war, um so mehr mußte ihr Inhaber aus seinem Amt, d. h. aus dem Volk, herauszuschlagen suchen. Die wichtigsten Gebrauchsartikel, wie z. B. das Holz, hatte man zu Monopolen be- stimmter Gesellschaften werden lassen. Die Jagdgelüste der Herrschaften ließen den Wildschaden zu einer schweren Last für den Bauern werden. Das Verbot der Frei- zügigkeit hemmte die Beweglichkeit der Bevölkerung, die letztere ging an Zahl zurück, die Auswanderungsziffern stiegen, die Mißstimmung gegen die Regierung, zumal in der Nachbarschaft der französischen Revolution, war stellenweise bedenk- lich ¹1). Wir werden bei Betrachtung solcher Zustände daran erinnert, daß in jenen Jahren Schillers„Räuber“ in Mannheim ihren Erfolg erlebten. UÜber die Verfassung unserer Stadt unterrichtet eine in französischer Sprache verfaßte Mitteilung aus jener Zeit, die wahrscheinlich den Zwecken der fremden Einquartierung dienen sollte: Une ville dont la population est de 3000 habitans. Il y a un Maire, six officiers Municipaux et un Procureur de la Commune et un Greffier. Il y a en outre 12 Notables qui assistent aux Séances de la Municipalité les fois qu'ils le jugent à propos, mais lorsqu'il y a des affaires intéressantes pour la Communalité, alors la Municipalité assemble les Notables et on appelle cela le Conseil Général de la Commune. C'est le Procureur de la Commune qui fait les rapports de toutes les affaires. Et dans les grandes villes le Procureur de la Commune a un Sußbstitut. Le nombre des officiers Municipaux et des Notables augmente en raison de la population ²).
Ein Bürgermeister und sechs Ratsherrn hatten also dem Namen nach vor- nehmlich das Stadtregiment in der Hand. Die Abhängigkeit dieses Magistrates von
¹) Häusser, Geschichte der Rheinpfalz I. S. 981..
²) Frank, Geschichte der ehemaligen Reichsstadt Oppenheim 8. 164, gibt die Einwohner- zahl auf nur 1611 an. Diese u. a. Widersprüche aufzuklären, muß ich mir bis zu genauerer Kenntnis des Aktenmaterials vorbehalten. Die in der französischen Mitteilung erwähnte Notabelnversamm- lung ist wohl das Uberbleibsel des alten Rates der Burgmannen von der Landskron, Procureur der Anwaltschultheiß, Greffier der Stadtschreiber.


