Aufsatz 
Aus Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme / von Emil Strauß
Entstehung
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B. Iſt die lotrechte Fallbewegung mit der Achſendrehung der Erde vereinbar?

(In der Alberiſchen Ausgabe I, 154174.)

Salv. Wir können ſonach zum vierten Beweisgrunde¹) übergehen, auf welchen wir recht aus⸗ führlich einzugehen haben werden, weil er auf diejenige Erfahrung ſich ſtützt, welche dem größeren Teile der noch übrigen Argumente ihre Beweiskraft verleiht. Ariſtoteles alſo behauptet, das ſicherſte Argument für die Unbeweglichkeit der Erde ſei die Beobachtung, daß ſenkrecht in die Höhe geſchleuderte Körper längs derſelben Linie an den nämlichen Ort zurückkehren, von dem aus ſie geworfen wurden; und zwar auch dann, wenn die Bewegung ſich ſehr weit in die Höhe erſtreckte. Dies aber könnte nicht der Fall ſein, wenn die Erde ſich bewegte; denn während der Zeit, wo der geſchleuderte Körper, getrennt von der Erde, ſich auf- und abwärts bewegt, würde der Ausgangspunkt des geſchleuderten Körpers ſich infolge der Erd⸗ umdrehung ein bedeutendes Stück nach Oſten verſchoben haben, und beim Niederfallen müßte der Körper um dieſe Strecke von genannter Stelle entfernt auf die Erde ſtoßen. Dahin gehört deswegen auch das Argument betreffs der mit einer Kanone in die Höhe geſchoſſenen Kugel, ebenſo die von Ariſto⸗ teles und Ptolemäus ²) verwertete Beobachtung, daß die aus bedeutender Höhe fallenden ſchweren Körper in gerader und lotrechter Linie auf die Erdoberfläche treffen. Um nun mit Entwirrung dieſer Knoten zu beginnen, frage ich Signore Simplicio: Wenn jemand dem Ptolemäus und Ariſtoteles in Abrede ſtellte, daß die frei fallenden ſchweren Körper in gerader und lotrechter d. h. nach dem Mittelpunkte ge⸗ richteter Linie herabkämen, mit welchen Hilfsmitteln würden ſie es beweiſen?

Simpl. Mittels der ſinnlichen Wahrnehmung, die uns belehrt, daß jener Turm gerade und lotrecht iſt und die uns zeigt, daß jener Stein beim Fall dicht an ihm hinſtreicht, ohne auch nur um Haaresbreite nach der einen oder anderen Richtung auszubiegen, und am Fuße des Turmes anlangt, genau unterhalb der Stelle, von welcher er abgelaſſen wurde.

Salv. Wenn aber von ungefähr die Erdkugel ſich im Kreiſe bewegte und demzufolge auch den Turm mit ſich trüge, gleichwohl aber die Beobachtung lehrte, daß der fallende Stein dicht an der Linie des Turmes hinſtreift, wie müßte dann ſeine Bewegung beſchaffen ſein?

Simpl. Man müßte in dieſem Falle eher ſagenſeine Bewegungen. Die eine nämlich wäre diejenige, vermöge deren er von oben nach unten gelangt, eine andere müßte ihm eigen ſein, um der Be⸗ wegung des Turmes zu folgen.

Salv. Seine Bewegung wäre alſo aus zweien zuſammengeſetzt, nämlich aus der, mit welcher er dem Turm entlang fortſchreitet und aus der, mit welcher er ihm folgt. Aus dieſer Zuſammenſetzung würde ſich ergeben, daß der Stein nicht mehr jene einfache gerade und lotrechte, ſondern eine ſchräge und möglicherweiſe krumme Linie beſchriebe.

¹) Es waren vorher drei andere, von Ariſtoteles herrührende Argumente gegen die Erdbewegung zur Sprache gekommen. Dieſe vermeintlichen Beweiſe, die ſich namentlich gegen die pythagoreiſche Philoſophie richten, ſind in der ariſtoteliſchen SchriftÜber den Himmel enthalten. Bgl. De coelo II, 14.

²) Claudius Ptolemäus, berühmter Aſtronom, Mathematiker und Geograph, welcher in der erſten Hälfte des zweiten nachchriſtlichen Jahrhunderts lebte. In ſeinem Hauptwerke, dem ſogenannten Almageſt, welches Jahr⸗ hunderte lang als unanfechtbare Autorität auf dem Gebiete der Aſtronomie galt, verſucht er die Bewegungs⸗ loſigkeit der Erde mit ähnlichen Gründe zu beweiſen wie Ariſtoteles. Nach ihm heißt diejenige Anſicht vom Bau des Weltalls, derzufolge die Erde im Mittelpunkte ſteht, die übrigen Weltkörper um ſie kreiſen, das ptolemäiſche Weltſyſtem.