Aufsatz 
Aus Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme / von Emil Strauß
Entstehung
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Salv. Ich glaube, Ihr täuſcht Euch ſehr. Ich bin ſicher, daß die Erfahrung Euch vom Gege

teile belehren wird, daß die Kugel, auf der Erde angelangt, mit dem Pferde laufen und nur in hinter ihm zurückbleiben wird, als die Rauheit und Unebenheit des Weges ihm hinderlich iſt. Der Grund ſcheint mir auch ſehr klar. Denn wenn Ihr, ohne Euch zu bewegen, denſelben Ball auf der Erde hin⸗ ſchöbet, würde er getrennt von Euerer Hand nicht auch die Bewegung fortſetzen? Und zwar über eine um ſo größere Strecke, je glatter die Oberfläche iſt, ſo daß er z. B. über das Eis ſehr weit flöge? Simpl. Das ſteht außer Zweifel, wenn ich ihm einen Schwung mit dem Arme gebe. In unſerem

Falle aber iſt vorausgeſetzt, daß der Reiter ihn bloß fallen läßt. 1 Salv. So ſoll es auch ſein: wenn Ihr ihn aber mit dem Arme werft, was bleibt ſonſt an dem Balle, nachdem er Euch einmal aus den Händen iſt, als die von Euerem Arme mitgeteilte Bewegung? Dieſe bleibt in ihm beſtehen und bewirkt, daß er vorwärts kommt. Was macht es nun aus, daß dieſer Schwung dem Ball von Euerem Arme und nicht vom Pferde mitgeteilt iſt? Wenn Ihr reitet, bewegt ſich nicht Euere Hand und folglich auch der Ball ebenſo ſchnell wie das Pferd? Doch ſicherlich. Ihr braucht alſo nur die Hand zu öffnen, ſo beginnt der Ball ſeine Bewegung mit einer gewiſſen Geſchwindigkeit, die ihm allerdings nicht durch eine von Euch ausgehende Bewegung des Armes verliehen wird, ſondern von der Bewegung des Pferdes ſelbſt bedingt wird. Dieſe wird auf Euch übertragen, auf den Arm, auf die Hand und endlich auf den Ball. Ja noch mehr: wenn der Betreffende während des Reitens mit ſeinem Arme die Kugel in der dem Ritt entgegengeſetzten Richtung ſchleudert, ſo wird ſie, zur Erde gelangt, bisweilen, trotzden ſie in entgegengeſetzem Sinne geworfen war, dem Laufe des Pferdes folgen, bisweilen ruhig liegen bleiben und ſich nur dann entgegengeſetzt zur Reitrichtung bewegen wenn die vom Arme empfangene Bewegung an Geſchwindigkeit die des Reitens übertrifft. Es iſt daher eine Albern⸗ heit, wenn manche Leute behaupten, man könne beim Reiten einen Speer in der Richtung des Reitens durch die Luft werfen, ihm mit dem Pferde folgen, ihn einholen und ſchließlich wieder auffangen. Es i*ſt eine Albernheit, ſage ich, denn um zu bewirken, daß der geworfene Körper einem wieder in die Hände fällt, muß man ihn ganz in derſelben Weiſe in die Höhe werfen, als ſtünde man ſtille. Denn mag das Tempo des Rittes noch ſo raſch ſein, wenn es nur gleichmäßig iſt, ſo wird der geworfene Körper, wofern es ſich nicht um einen ganz leichten Gegenſtand handelt, ſtets in die Hand des Werfenden zurückkehren, wie hoch er auch geworfen worden ſei!.)

¹) Wohlwill(Die Entdeckung des Beharrungsgeſetzes pg. 77) macht darauf auſmerkſam, wie die ein⸗ fachſten Folgerungen aus dem Beharrungsgeſetze zu Galileis Zeiten als etwas völlig Neues und Merkwürdiges angeſtaunt wurden. Er verweiſt in dieſer Beziehung auf die Widmung und Vorrede der franzöſiſchen Üüberſetzung (vom Jahre 1634) von Galileis Schrift Della Scienza Meccanica, wo Merſenne die hier berührten Erfahrungen als ſtaunenswerte Erſcheinungen bezeichnet. 8