ſo muß daraus eine wunderbare Folgewirkung in der Natur ſich ergeben. Geſetzt das Schiff ſtehe ſtill und die Fallzeit eines Steines von der Maſtſpitze herab betrage zwei Pulsſchläge. Es bewege ſich ſodann das Schiff und man laſſe von derſelben Stelle aus wie vorher denſelben Stein fallen; dieſer wird aus den angegebenen Gründen gleichfalls eine Zeit von zwei Pulsſchlägen gebrauchen, um unten anzulangen. Während dieſer Zeit wird nun aber das Schiff etwa zwanzig Ellen zurückgelegt haben, ſo daß jetzt die wahre Bahn des Steines eine ſchräge Linie von weit größerer Länge ſein muß als vorher die gerade und lotrechte Linie, deren Länge gleich der des Maſtes iſt. Gleichwohl wird die Kugel die eine wie die andere in derſelben Zeit durchlaufen. Nun denke man ſich weiter die Bewegung des Schiffes noch weit mehr beſchleunigt, ſo daß der Stein beim Fall eine ſchräge Linie von noch weit größerer Länge als die vorige wird zurücklegen müſſen; mit einem Worte, mag die Geſchwindigkeit des Schiffes wachſen, wie ſie will, ſo werden die ſchrägen Bahnen des Steines immer länger und länger werden und dennoch wird er ſie alle in Zeit von zwei Pulsſchlägen zurücklegen. Wenn nun dementſprechend auf der Spitze eines Turmes eine horizontal gerichtete Feldſchlange aufgeſtellt wäre und mit ihr wagerechte Schüſſe abgegeben würden, d. h. ſolche, die der Horizontalebene parallel ſind, mag das Geſchütz dann ſtark oder ſchwach ge⸗ laden ſein, die Kugel alſo einmal tauſend Ellen weit fliegen, ein andermal viertauſend, ſechstauſend, zehn⸗ tauſend Ellen u. ſ. w., ſo würden alle dieſe Schüſſe gleiche Zeiten beanſpruchen und zwar dieſelbe Zeit, welche die Kugel gebrauchen würde, um von der Mündung des Geſchützes bis zur Erde gelangen, wenn man ſie ohne anderen Impuls einfach lotrecht fallen ließe. Nun ſcheint es eine merkwürdige Sache, daß dieſelbe kurze Zeit, die für den ſenkrechten Fall zur Erde aus einer Höhe von etwa hundert Ellen nötig iſt, auch hinreicht, um die nämliche vom Pulver fortgeſchleuderte Kugel bald vierhundert, bald tauſend, bald viertauſend, bald zehntauſend Ellen weit zu treiben, ſo daß die Kugel bei allen wagrechten Schüſſen ſtets die gleiche Zeit in der Luft verweilt.
Salv. Dieſe Üüberlegung iſt ihrer Neuheit wegen ſehr ſchön, und wenn die Thatſache richtig iſt, ſo iſt ſie wunderbar; an ihrer Richtigkeit zweifle ich übrigens nicht. Wäre nicht das zufällige Hindernis der Luft vorhanden und man ließe gleichzeitig mit dem Abfeuern der Kugel aus dem Geſchütze eine weitere Kugel aus derſelben Höhe hinunterfallen, ſo würden beide in demſelben Augenblicke zur Erde gelangen, wie ich feſt überzeugt bin, mag auch jene eine Strecke von zehntauſend und dieſe bloß hundert Ellen zurückgelegt haben; vorausgeſetzt daß die Erdoberfläche eben iſt, zu welchem Behufe man der Sicherheit wegen auf irgend einem See ſchießen könnte. Das Hindernis, welches die Luft bereitet, würde allerdings die ſehr raſche Schußbewegung verzögern.— Nun aber laßt uns, wenn es Euch recht iſt, zur Widerlegung der anderen Argumente ſchreiten, da Signore Simplicio, wie ich glaube, recht wohl die Nichtigkeit dieſes erſten einſieht, welches von dem Verhalten der von oben nach unten fallenden Körper hergenommen iſt.
Simpl. Ich fühle mich noch nicht frei von allen Bedenken. Vielleicht liegt die Schuld an mir, da ich keine ſo leichte und raſche Faſſungsgabe habe wie Signore Sagredo. Wenn die Bewegung, die der Stein mit dem Schiffe gemein hatte, ſolange er auf dem Maſte desſelben ſich befand, in ihm auch dann noch unvertilgbar fortbeſtehen müßte, nachdem er von dem Schiffe ſich getrennt hat, ſo müßte meines Erachtens auch etwas Ähnliches eintreten, ſobald man zu Pferde raſch dahinreitend eine Kugel aus der Hand fallen läßt. Sie müßte, zur Erde gefallen, ihre Bewegung fortſetzen und dem Laufe des Pferdes folgen, ohne hinter ihm zurückzubleiben. Ich glaube aber nicht, daß ſich dies beobachten läßt, es ſei denn, der Reiter werfe die Kugel mit Gewalt in der Richtung der Bewegung. Sonſt aber wird ſie, glaube ich, auf der Erde liegen bleiben, wo ſie niederfällt.


