Aufsatz 
Aus Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme / von Emil Strauß
Entstehung
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Sagr. Die abgeſchoſſenen Pfeile müſſen alſo die Luft durchdringen? Ei, wenn die Luft ſich mit ihnen bewegt, wenn ſie es ſogar iſt, die ſie dahin trägt, wie kann dann von einer Durchdringung die Rede ſein? Seht Ihr nicht ein, daß in dieſem Falle der Pfeil ſich mit größerer Geſchwindigkeit als die Luft bewegen müßte? Und wer teilt dieſe größere Geſchwindigkeit dem Pfeile mit? Wollt Ihr behaupten, die Luft gebe ihm eine größere Geſchwindigkeit, als ſie ſelbſt beſitzt? Ihr ſeht alſo Signore Simplicio, die Sache verläuft gerade umgekehrt, wie Ariſtoteles ſagt; es iſt ebenſo falſch, das Medium als be⸗ wegende Urſache des geworfenen Körpers zu betrachten, wie es richtig iſt, daß dieſes allein ihm hinderlich entgegentritt. Habt Ihr aber das begriffen, ſo werdet Ihr auch ohne Schwierigkeit begreifen, daß, wenn die Luft ſich wirklich bewegt, ſie weit beſſer den Pfeil der Quere als der Länge nach fortträgt. Denn in jener Lage wird er von einer größeren, in dieſer von einer ganz geringen Menge Luft getrieben. Schießt man aber mit dem Bogen, in welchem Fall die Luft unbewegt bleibt, ſo erfährt der querliegende Pfeil, der auf viele Luft ſtößt, einen bedeutenden Widerſtand, der der Länge nach abgedrückte aber über⸗ windet das Hindernis der ganz kleinen ſich entgegenſetzenden Luftmenge mit größter Leichtigkeit.

Salv. Wie viele Behauptungen im Ariſtoteles habe ich bemerkt ich meine ſtets nur in ſeiner Naturphiloſophie, die nicht nur falſch ſind, ſondern dermaßen falſch, daß ihr diametrales Gegenteil richtig iſt, wie in dieſem Falle! Um aber auf unſeren Gegenſtand zurückzukommen, ſo glaube ich, Signore Simplicio iſt nunmehr überzeugt, daß aus der Beobachtung des Steines, der immer an derſelben Stelle niederfällt, ſich nichts betreffs der Bewegung oder der Ruhe des Schiffes ſchließen läßt. Und wenn das Bisherige ihn noch nicht befriedigen ſollte, ſo bleibt ihm noch das Mittel des Experimentes, welches ihn wohl völlig vergewiſſern wird. Bei deſſen Ausführung würde er günſtigſten Falls vielleicht ein Zurück⸗ bleiben des fallenden Körpers bemerken, ſobald dieſer aus einem ſehr leichten Stoffe beſteht und die Luft der Bewegung des Schiffes nicht folgt. Wenn ſich aber die Luft mit gleicher Geſchwindigkeit bewegt, ſo wird keine denkbare Verſchiedenheit weder bei dieſem noch bei irgend welchem anderen Verſuche ſtatt⸗ finden, wie ich gleichfalls auseinanderſetzen werde. Wenn nun ſchon in dieſem Falle keinerlei Verſchieden⸗ heit zu Tage tritt, was ſoll man erſt bei dem von der Turmſpitze fallenden Steine erwarten, wo die Kreisbewegung dem Steine nicht nachträglich und zufällig beigebracht wird, ſondern ihm von Natur und für alle Ewigkeit zukommt, wo die Luft genau der Bewegung des Turmes und der Turm der des Erd⸗ balls folgt? Habt Ihr in dieſer Sache noch eine Erwiderung vorzubringen?

Simpl. Nur die eine, daß ich die Bewegung der Erde bis jetzt noch nicht erwieſen ſehe.

Salv. Ich habe auch gar nicht den Anſpruch erhoben, ſie beweiſen zu wollen, ſondern bloß zu zeigen, wieſo aus dem Verſuche, der von den Gegnern als Argument für die Unbewegtheit der Erde bei⸗ gebracht wird, ſich nichts entnehmen läßt, und das nämliche gedenke ich von den anderen Verſuchen nachzuweiſen.

Sagr. Bitte, Signore Salviati, vergönnt mir, bevor wir weiter gehen, daß ich eine Schwierig⸗ keit aufs Tapet bringe, die mir durch den Kopf ging, während Ihr mit ſolcher Geduld dem Signore Simplicio den Verſuch mit dem Schiffe ins einzelne zergliedert habt.

Salv. Wir ſind hier um uns auszuſprechen, und es iſt gut, wenn jeder die Schwierigkeiten vor⸗ bringt, die ihm aufſtoßen, denn das iſt der Weg, welcher zur Erkenntnis der Wahrheit führt. Darum ſprecht!

Sagr. Wenn wirklich der Antrieb, mit welchem das Schiff ſich bewegt, dem Steine unvertilgbar eingeprägt bleibt, nachdem er vom Maſte des Schiffes ſich entfernt hat, und wenn überdies wirklich dieſe Bewegung kein Hindernis bildet für die geradlinige nach unten gerichtete natürliche Bewegung des Steines,