Aufsatz 
Aus Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme / von Emil Strauß
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

Stellen gefundene, die einen gefährlichen Beigeſchmack hatten. Darauf aufmerkſam gemacht, daß er Schwierigkeiten haben werde, die Druckerlaubnis zu erlangen, ſchrieb er dem Freunde zurück, er möge deswegen nicht unterlaſſen, die Erledigung der Sache zu befürworten; denn wenn ſonſt nichts im Wege ſtünde, es ſei ihm ein Leichtes, die Lehre des Ariſtoteles abzuändern und durch andere Erklärung und mittels anderer Stellen die entgegengeſetzte Anſicht als dem Sinne des Ariſtoteles gemäß nachzuweiſen.

Sagr. Alle Achtung vor dieſem Gelehrten! Er läßt ſich von Ariſtoteles kein X für ein U machen, er führt ihn an der Naſe herum und läßt ihn nach ſeiner Pfeife tanzen. Ihr ſeht, wieviel darauf ankommt, den günſtigen Zeitpunkt abzupaſſen. Man muß mit Herkules ſich nicht einlaſſen, wenn eer wütet und raſt, ſondern wenn er mit den mäoniſchen Mägden ſchwatzt¹.) Oh der unerhörten Nieder⸗ trächtigkeit knechtiſcher Geiſter! Freiwillig ſich zum Sklaven zu machen, an fremde Willensmeinungen ſich unauflöslich zu ketten, ſich überzeugt und überführt nennen zu müſſen durch Gründe, die ſo ſchlagend, ſo klar beweiſend ſind, daß eben dieſe Leute nicht recht wiſſen, ob ſie auch auf den Gegenſtand ſich beziehen und ob ſie die betreffende Behauptung zu erhärten beſtimmt ſind! Das Tollſte aber iſt, daß ſie unter einander uneins ſind, ob der Autor ſelbſt für oder gegen die Behauptung Partei ergriffen habe. Heißt dies nicht einen Götzen von Holz zu ſeinem Orakel machen? Von ihm ſoll man Auskunft erwarten, ihn fürchten, ihn verehren, ihn anbeten?

Simpl. Wenn man ſich aber von Ariſtoteles losſagt, wer ſoll Führer in der Wiſſenſchaft ſein? Nennt Ihr irgend welchen Autor!

Salv. Des Führers bedarf man in unbekannten wilden Ländern, in offener ebener Gegend brauchen nur Blinde einen Schutz. Wer zu dieſen gehört, bleibe beſſer daheim. Wer aber Augen hat, körperliche und geiſtige, der nehme dieſe zum Führer! Darum ſage ich nicht, daß man Ariſtoteles nicht hören ſoll, ja ich lobe es, ihn einzuſehen und ihn fleißig zu ſtudieren. Ich tadele nur, wenn man auf Gnade und Ungnade ſich ihm ergiebt, blindlings jedes ſeiner Worte unterſchreibt, und ohne nach anderen Gründen zu forſchen, dieſe als ein unumſtößliches Machtgebot anerkennen ſoll. Es iſt das ein Mißbrauch, der ein anderes ſchweres Üübel im Gefolge hat: man bemüht ſich nicht mehr, ſich von der Strenge ſeiner Beweiſe zu überzeugen. Was kann es Schmählicheres geben als zu ſehen, wie bei öffentlichen Disputationen, wo es ſich um beweisbare Behauptungen handelt, Jemand ein Citat vorbringt, das gar oft auf einen ganz anderen Gegenſtand ſich bezieht und mit dieſem dem Gegner den Mund verſtopft? Wenn Ihr aber durchaus fortfahren wollt, auf dieſe Weiſe zu ſtudieren, nennt Euch fernerhin nicht Philoſophen, nennt Euch Hiſtoriker oder Doktoren der Auswendiglernerei; denn wer niemals philoſophiert, der darf den Ehrentitel eines Philoſophen nicht beanſpruchen. Doch wir thun gut dem Ufer wieder zuzuſteuern, um nicht in ein unendliches Meer zu geraten, aus dem wir den ganzen heutigen Tag über nicht wieder herausfänden. Darum, Signore Simplicio, bringt uns Euere oder des Ariſtoteles Gründe und Beweiſe, nicht aber Citate und bloße Autoritäten; denn unſere Unterſuchungen haben die Welt der Sinne zum Gegenſtand, nicht eine Welt von Papier.

[Es werden nunmehr die Gründe für und wider die Bewegung der Erde beſprochen.]

Pomponazzi, Firenze 1868 pg. 326) citiert, worauf Herr Dr. Wohlwill die Güte hatte mich aufmerkſam zu machen. Fiorentino läßt durchblicken, daß es ſich vielleicht um Zabarella( 1589) handele, ohne dies ausdrücklich zu behaupten. Mir ſcheint die Galileiſche Erzählung eher eine andere Verſion des Vorfalls zu ſein, den Fiorentino pg. 336 erwähnt. Danach würde der geſinnungsloſe Autor, der dem Ariſtoteles auf Wunſch der Cenſur bald die eine, bald die andere Anſicht zuſpricht, Pendaſio ſein( 1603).

¹) Nämlich zu der Zeit, wo Herkules bei der lydiſchen(² mäoniſchen) Königin Omphale Weiberdienſte that.