Aufsatz 
Aus Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme / von Emil Strauß
Entstehung
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teles ſeine Meinung ändern und ſeine Bücher verbeſſern würde, wenn er von den neuen aſtronomiſchen Entdeckungen erführe; daß er ſich zu ſo ſinnenfälligen Lehren bekennen und alle die kleinen Geiſter von ſich verbannen würde, die engherzig genug es über ſich gewinnen, jedes ſeiner Worte aufrecht zu erhalten, die nicht einſehen, daß wenn Ariſtoteles ſo wäre, wie ſie ihn ſich vorſtellen, er ein Dummkopf, ein Eigen⸗ ſinniger, eine Barbarenſeele, voll tyranniſcher Willkür wäre, der alle anderen als blödes Vieh betrachtet und den Kundgebungen ſeines Willens den Vorrang zuſpricht vor der Sinneswahrnehmung, der Erfahrung, der Natur ſelber? Seine Anhänger haben dem Ariſtoteles die Autorität verliehen, nicht er hat ſie ſich angemaßt oder genommen. Weil es leichter iſt, unter dem Schilde eines anderen Schutz zu ſuchen, als offenen Antlitzes in die Schranken zu treten, fürchten ſie und wagen nicht, einen Schritt von ihm ſich zu entfernen. Ehe ſie am Himmel des Ariſtoteles etwas ändern laſſen, leugnen ſie dreiſt, was ſie am Himmel der Natur erblicken.

Sagr. Leute ſolchen Schlags erinnern mich an jenen Bildhauer, der aus einem großen Marmor⸗ block, ich weiß nicht, ob das Bild eines Herkules oder eines donnernden Jupiters geformt hatte. Mit wunderbarer Kunſt hatte er ihm ſolches Leben, ſo grauſe Majeſtät zu verleihen gewußt, daß jeden Be⸗ ſchauer Furcht anwandelte und ſchließlich der Künſtler ſelbſt ſich davor zu fürchten begann, wiewohl Aus⸗ druck und Bewegung das Werk ſeiner Hände war. So groß war ſein Grauen, daß er ſich nicht erkühnt hätte, ihm fürder mit Hammer und Meißel zu nahen.

Salv. Ich habe mich oft gewundert, wie es möglich iſt, daß die buchſtabengläubigen Anhänger des Ariſtoteles nicht herausfühlen, welchen Abtrag ſie dem Anſehen und dem Rufe desſelben thun, und wie ſie, beſtrebt ſeine Autorität zu vergrößern, umgekehrt ſie herabziehen. Denn wenn ich ſie halsſtarrig Sätze verteidigen ſehe, die handgreiflich irrig ſind, wenn ſie mir einreden wollen, ſo zieme es ſich für den wahren Philoſophen und ſo würde Ariſtoteles ſelbſt verfahren, dann komme ich von der Meinung zurück, daß ſeine Schlüſſe auf anderen mir weniger zugänglichen Gebieten ihre Richtigkeit haben. Sähe ich ſie hingegen auf Grund offenbarer Wahrheiten nachgeben und ihre Meinung ändern, ſo würde ich glauben, daß da, wo ſie auf ihrer Meinung beharren, ihre mir uubekannten oder unverſtändlichen Beweiſe zuverläſſig richtig ſeien.

Sagr. Oder wenn ihr, eigener Ruf und der des Ariſtoteles in ihren Augen zu ſehr gefährdet ſchiene, ſobald ſie zugeſtehen, er habe dieſes oder jenes, von einem anderen gefundene Ergebnis nicht ge⸗ kannt, thäten ſie dann nicht beſſer, es dennoch in ſeinen Schriften ausfindig zu machen, durch Verbindung verſchiedener Stellen, nach dem von Signore Simplicio angedeuteten Rezepte? Denn wenn alles Erkenn⸗ bare ſich in ihm findet, muß auch wohl dieſes darin enthalten ſein.

Salv. Signore Sagredo, zieht dieſes ſcharfſinnige Auskunftsmittel nicht ins lächerliche, denn Ihr ſcheint mir Eueren Vorſchlag im Scherze zu machen. Es iſt aber noch nicht lange her, daß ein Philoſoph von bedeutendem Rufe ein Buch über die Seele verfaßt hatte, worin er bei Wiedergabe der ariſtoteliſchen Anſicht über die Frage der Unſterblichkeit viele Citate aus ihm anführte nicht die Citate Alexanders¹), welche, wie er ſagte, überhaupt dieſen Gegenſtand nicht behandelten, geſchweige denn etwas damit Zuſammenhängendes zur Entſcheidung brächten ſondern andere von ihm an ganz verborgenen

¹) Gemeint iſt Alexander von Aphrodiſias, genanntder Exeget, der um 200 n. Chr. den Lehrſtuhl der ariſtoteliſchen Philoſophie in Athen inne hatte. Er lehrte die Exiſtenz einer individuellen menſchlichen Seele, die zugleich mit dem Leibe vergehe, und legte demgemäß die ariſtoteliſchen Schriften aus. Dem gegenüber erlangte im Mittelalter und ſpäterhin die Anſicht ds Averroöës große Verbreitung, wonach kein individueller, ſondern nur ein unvergänglicher Geſamt⸗Intellekt der Menſchheit exiſtiert. Auch dieſe Anſicht wurde in die Schriften des Ariſtoteles hineingedeutet. Beide Richtungen ſind mit dem chriſtlichen Dogma unvereinbar und wurden am 19. Dezember 1512 durch das fünfte Laterankoncil verdammt. Die von Galilei hier erzählte Anekdote wird von Fiorentino(Pietro