Aufsatz 
Aus Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme / von Emil Strauß
Entstehung
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Salv. Denkt Ihr nicht auch an die Vorausſagungen der Aſtrologen, die aus dem Horoſkop, d. h. aus der Stellung der Geſtirne, nachträglich ſo klar herauszuleſen ſind? ¹)

Sagr. Ebenſo ſteht es mit der Entdeckung der Alchymiſten²), daß in Wahrheit alle die erhabenſten Geiſter der Menſchheit, geleitet von dem humor melancholicus, über nichts geſchrieben haben, als über die Kunſt, Gold zu machen. Um nun aber dieſe zu lehren, ohne ſie allem Volke zu verraten, habe einer dieſe, der andere jene Weiſe ausgeheckt, um unter mancherlei Einkleidung das Geheimnis anzudeuten. Nichts iſt luſtiger, als ihre Kommentare zu den alten Dichtern zu hören, in welchen ſie die wichtigſten Myſterien, verſteckt im Gewande der Fabeln, aufſpüren: was die Liebeshändel der Mondgöttin bedeuten, ihr Herniederſteigen zur Erde um Endymions willen, ihr Zorn gegen Aktäon; wann Jupiter ſich in einen Goldregen, wann in glühende Flammen verwandelt, welche tiefen Kunſtgeheimniſſe in jenem Mercurius Interpres ſtecken, in jenen Entführungen durch Pluto, in jenen goldenen Zweigen.

Simpl. Ich glaube und bin in manchen Fällen gewiß, daß es nicht an recht wunderlichen Köpfen fehlt; aber deren Albernheiten dürfen nicht zu Ungunſten des Ariſtoteles ausgebeutet werden, von dem Ihr, wie mich dünkt, bisweilen mit zu wenig Achtung ſpricht. Das bloße Alter und der große Ruf, den er ſich nach dem Urteile ſo vieler ausgezeichneter Männer erworben hat, ſollten genügen, um ihn achtungswert in den Augen aller Gelehrten erſcheinen zu laſſen.

Salv. So liegt die Sache nicht, Signore Simplicio. Einige ſeiner Anhänger ſind gar engherzig; ſie laſſen ſich ſchon herbei, ſein Anſehen zu ſchmälern, oder vielmehr ſie würden es ganz gerne thun, wenn man nur ihren Nichtigkeiten Beifall zollen wollte. Ihr aber, ſagt mir mit Vergunſt, ſeid Ihr wirklich ſo einfältig, um nicht einzuſehen, daß, wenn Ariſtoteles zugegen geweſen wäre, wie er von dem Doktor zum Erfinder des Fernrohrs gemacht wurde, er weit mehr über den Doktor aufgebracht geweſen wäre, als über die, welche den Doktor und ſeine Auslegungsweiſe verlachten? Zweifelt Ihr etwa, daß Ariſto⸗

¹) Zur Zeit Galileis ſtand die Aſtrologie, d. h. die angebliche Kunſt aus der Sellung der Geſtirne auf menſch⸗ liche Schickſale zu ſchließen, in hohem Anſehen. Man wendete die Regeln der Aſtrologie nun auch häufig auf die Vergangenheit an, indem man z. B. das Horoſkop bedeutender Männer der Geſchichte für die Stunde ihrer Geburt ſtellte und daraus ihre Lebensdauer u. ſ. w. berechnete. Dieſe Prophetieen ex post fielen begreiflicherweiſe ſtets richtig aus, wie Galilei ſpöttiſch bemerkt. Am 1. April 1631 wurde eine päpſtliche Bulle gegen die Astrologi judi- ciarii erlaſſen; es ſcheint, daß Galilei teilweiſe mit Rückſicht darauf die vorliegende Stelle in ſein 1630 druckfertig gewordenes Manuſkript eingeſchoben hat; denn kurz nach Erlaß jener Bulle war der Druck des Dialogs bis hierher fortgeſchritten, wie aus dem Briefe Galileis an Marſili vom 20. März 1631 hervorgeht(Op. VI, 378).

²) Unter Alchymie wird bekanntlich die angebliche Wiſſenſchaft des Goldmachens verſtanden, welche ebenſo wie die Aſtrologie im 16. und 17. Jahrhundert eifrig in allen Teilen Europas gepflegt wurde. Die folgende Stelle bietet nach verſchiedenen Richtungen Schwierigkeiten für die Erklärung. Was bedeutet der zu Anfang erwähnte humor melancholicus? Prof. Kopp in Heidelberg, der vortreffliche Kenner der Geſchichte der Chemie, teilt mir mit, daß eine allgemeiner anerkannte, ſpecifiſch alchymiſtiſche Bedeutung des humor melancholicus ihm nicht bekannt ſei. Herr Dr. Wohlwill in Hamburg erinnert an das alte Wort: melancholici sunt ingeniosi. Die Deutung von Sagen des Altertums in alchymiſtiſchem Sinne war zu jener Zeit ſehr gebräuchlich; intereſſante Mitteilungen darüber bei Kopp, Beiträge zur Geſchichte der Chemie I. Stück Pg. 12 20. Die Hinweiſungen Galileis beziehen ſich teilweiſe auf allbekannte Mythen. Was aber iſt mit der Verwandlung Jupiters in glühende Flammen gemeint(Semeleſage?), was mit jenem Mercurius Interpres? Iſt letzteres eine Anſpielung auf den Vater der Alchymie, jenen Hermes, nach welchem ſie auch die hermetiſche Kunſt genannt wird? Sind diegoldenen Zweige, die bei Virgil(Aen. VI, 136 ff.) erwähnten, deren Aeneas zum Eintritt in die Unterwelt bedarf, oder liegt eine Bezugnahme auf die goldenen Äpfel der Heſperiden vor? Vielleicht ſind Galileis Anſpielungen durch den 1614 verſtorbenen Alchymiſten Antonio Neri provociert, von deſſen Tinktur der damalige Großherzog von Toskana den Reſt geerbt haben ſoll. Vgl. Edelgebohrene Jungfrau Alchymia(Tübingen 1730) pg. 255.