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Ganze; darum muß man dieſe Stelle mit jener kombinieren, dieſen Paragraphen mit jenem ganz ent⸗ legenen vergleichen. Es iſt kein Zweifel, daß, wer dieſe Kunſt verſteht, aus ſeinen Büchern die Beweiſe für alles Erkennbare ſchöpfen kann; denn in ihnen iſt alles enthalten.
Sagr. Aber, lieber Signore Simplicio, wenn Euch das Durcheinanderwürfeln des Stoffes nicht verdrießt und Ihr durch Vergleich und Kombination einzelner Splitterchen die Quinteſſenz zu erlangen vermeint, ſo will ich die Prozedur, die Ihr und Euere wackeren Kollegen mit dem Texte des Ariſtoteles vornehmt, mit den Verſen Virgils oder Ovids anſtellen, will einen Flicken daraus auf den anderen ſetzen und damit alle menſchlichen Angelegenheiten und Geheimniſſe der Natur erklären. Doch wozu brauche ich Virgil oder einen anderen Dichter? Ich beſitze ein weit kürzeres Büchlein als den Ariſtoteles und den Ovid, worin alle Wiſſenſchaften enthalten ſind und wovon man mit geringſter Mühe die vollkommenſte überſicht erlangen kann; es iſt das Alphabet. ¹) Kein Zweifel, durch richtige Anordnung und Verbindung dieſes und jenes Vokals mit dem und jenem Konſonanten kann man die zuverläſſigſte Auskunft über jeden Zweifel erhalten, kann die Lehren aller Wiſſenſchaften, die Regeln aller Künſte gewinnen; gerade wie der Maler bloß verſchiedene Farben miſcht, die getrennt auf der Palette liegen, von dieſer ein bißchen und von jener ein wenig, und daraus Menſchen, Pflanzen, Bauten, Vögel, Fiſche bildet, kurz, alles Sichtbare nachahmt, ohne daß er auf ſeiner Palette Augen, Federn, Schuppen, Blätter oder Steine hätte. Ja es darf ſogar keines der nachzuahmenden Dinge, noch auch Teile eines ſolchen ſich wirklich bei den Farben befinden, wenn man damit alles ſoll darſtellen können. Wären z. B. Federn dabei, ſo könnte man ſie nur gebrauchen, um Vögel oder Flederwiſche abzumalen.
Salv. Ich kenne einige Edelleute, noch heute friſch und geſund, welche zugegen waren, wie ein Doktor an einer berühmten Hochſchule, als er das von ihm noch nicht geſehene Fernrohr beſchreiben hörte, ſagte, die Erfindung ſei dem Ariſtoteles entnommen. Als er ſich einen Text hatte bringen laſſen, ſuchte er eine gewiſſe Stelle auf, wo die Gründe abgehandelt werden, infolge deren vom Boden eines ſehr tiefen Brunnens die Sterne bei Tag am Himmel geſehen werden können. Er ſagte zu den Umſtehenden: Hier habt Ihr den Brunnen, er iſt das Rohr; hier die dichten Dämpfe, ihnen iſt die Erfindung der Linſen nachgebildet; hier habt Ihr endlich die Verſtärkung der Sehkraft beim Durchgang der Strahlen durch ein dichteres, dunkeles und durchſichtiges Mittel.)
Sagr. Dieſe Manier, alles Erkennbare zu umfaſſen, iſt ähnlich der, wonach ein Marmorblock eine oder tauſend der herrlichſten Statuen enthält; die Schwierigkeit iſt nur, ſie ausfindig zu machen. Wir dürfen auch ſagen, es gehe damit wie mit den Weisſagungen Joachims) oder den Orakelſprüchen der Alten, die man erſt nach dem Ausgang der vorhergeſagten Dinge verſteht.
¹) Dieſer luſtige Einfall Galileis iſt— ich weiß nicht, ob mit oder ohne Kenntnis vorliegender Stelle— von Swift in Gulliver's Travels ſpaßhaft genug des Breiteren ausgeführt.
²) Das Fernrohr wurde zwar nicht von Galilei erfunden, wie häufig behauptet wird; er hat es jedoch weſent⸗ lich verbeſſert. Um ſo begreiflicher, daß er gegen die Bekanntſchaft der Alten mit dieſem Inſtrumente polemiſiert, die denn in der That eine Fabel iſt. Die Stelle bei Ariſtoteles, auf welche hier angeſpielt wird, findet ſich De animalium generatione. lib. V. cap. 1.
²) Der Ciſterzienſerabt Joachim(von Floris in Calabrien) lebte in der zweiten Hälfte des zwölften Jahr⸗ hunderts; ihm wird jene antikirchliche Lehre von dem Evangelium aeternum zugeſchrieben, die in Wahrheit von der extremen ſocialreformatoriſchen Partei des Franciscanerordens ausging. Seine vermeintlichen und wirklichen Schriften wurden ſpäterhin als Ausflüſſe hoher prophetiſcher Gabe betrachtet und mußten ſich demgemäß die mannigfachſten
Deutungen gefallen laſſen. Auch bei Dante geſchieht Joachims Erwähnung(Parad. XII, 140). Näheres über ihn bei Reann in der Revue des deux mondes. 1866. Juillet— Aoüt pg. 94 ff.


