Aufsatz 
Aus Galileis Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme / von Emil Strauß
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

Annahmen nicht als thatſächlich richtige bezeichnen. Das klaſſiſche Werk des Kopernikus ſelbſt, das ſeit 1543 unbeanſtandet geblieben war, wurde im Jahre 1620 nach dieſen Grundſätzen von der Index⸗Kon⸗ gregationverbeſſert. Galilei faßt im Dialog jene hypothetiſche Zuläſſigkeit etwas anders auf; er beweiſt mit den ſtärkſten ihm zu Gebote ſtehenden Gründen die Wahrheit der Erdbewegung, vergißt aber nicht hinzuzuſetzen, daß alle naturwiſſenſchaftlichen Gründe im Hinblick auf eine kirchliche Entſcheidung hinfällig würden. Durch dieſe Verſchleierung ſeiner eigenen Anſichten, die freilich keinen Einſichtigen täuſchen konnte, glaubte er die notwendige Rückſicht auf die Kirche genommen zu haben. Er hat ſpäter erfahren müſſen, in wie ſchwerem Irrthum er befangen war. Sein Buch wurde 1633 trotz der doppelten Approbation auf den Index geſetzt und blieb bis zum Jahre 1822 verboten; er ſelbſt mußte abſchwören und war bis zu ſeinem 1642 erfolgten Tode Halbgefangener der Inquiſition.

Zur Erleichterung des im Dialog von Galilei eingenommenen Standpunktes trägt eben die dia⸗ logiſche Form weſentlich bei, umſomehr als die Geſpräche zu einer Zeit ſpielen, welche dem Inderdekret vorangeht ¹). Von den drei am Geſpräche beteiligten Perſonen ſind Salviati und Sagredo hiſtoriſche Figuren, früh verſtorbene Freunde Galileis, denen er durch ſein Werk ein unvergängliches Denkmal ge⸗ ſetzt hat. Der dritte Teilnehmer hingegen, Simplicio, iſt eine von Galilei meiſterhaft erfundene Dichter⸗ geſtalt. Der Name ſpielt einerſeits auf die Einfalt des guten Mannes an, andererſeits erinnert er an Simplicius den berühmten Ausleger des Ariſtoteles. Salviati iſt im Dialoge der eigentliche Träger der Gedanken Galileis, der Fachgelehrte, der in beredter Weiſe für die neuen Lehren plädiert. Simplicio, ein köſtliches Gegenſtück des Götheſchen Wagner, iſt der Vertreter der konſervativen Wiſſenſchaft, jener Gelehrſamkeit, die nicht durch das Studium der Natur, ſondern durch das Studium vergilbter Bücher, nament⸗ lich des Ariſtoteles, zur Erkenntnis durchzudringen vermeint. Sagredo endlich, ein venetianiſcher Patricier, iſt der hochgebildete, aber nicht fachwiſſenſchaftlich vorbereitete Laie), deſſen feiner Geſchmack, deſſen geſunder Menſchenverſtand, deſſen raſche Faſſungsgabe ihn befähigen, nicht ſelten mit ſehr überzeugenden Beweis⸗ gründen in die Debatte einzugreifen und ſich ein Urteil auch über wiſſenſchaftliche Fragen zu bilden. Dieſes Urteil fällt denn durchweg ſehr zu Gunſten der kopernikaniſchen Lehre und der neuen Ideen über⸗ haupt aus. Die Geſpräche finden an vier verſchiedenen Tagen in dem Palaſte Sagredos zu Venedig ſtatt. Am erſten Tage war über diejenige Frage verhandelt worden, in welcher die Gegner des Kopernikus viel⸗ leicht am wenigſten nachzugeben geneigt waren, die Frage nämlich, ob man die Erde als einen Stern be⸗ trachten dürfe, d. h. ob ihre Subſtanz mit der der Himmelskörper vergleichbar ſei, oder ob eine unüber⸗ brückbare Kluft zwiſchen derelementaren irdiſchen Sphäre und denätheriſchen Himmelsſphären beſtehe. Daran knüpft das erſte der nachſtehend mitgeteilten Stücke an; beide ſind den Geſprächen des zweiten Tages entnommen.

¹) Dieſe Fiktion wird freilich von Galilei nicht konſequent feſtgehalten. ²) Der hiſtoriſche Sagredo hatte übrigens ſehr beachtenswerte wiſſenſchaftliche Kenntniſſe und durfte ſich ſelbſt⸗ ſtändiger Leiſtungen auf dem Gebiete der Phyſik rühmen.